Aus dem Leben des Barons II

„Tag für Tag zog sich die elendige Belagerung hin und die Situation wurde immer unerfreulicher. Nicht nur, dass die niederhöllische Kälte die Bediensteten und Lakaien träge und langsam machte, nein, mittlerweile war es in ganz Rommilys nicht mehr möglich, einen anständigen Schmorbraten mit Frühlingskartöffelchen und Prinzessbohnen zu bekommen. Ja, die Lage war derart prekär, dass ich eines Praiostags zum Mittagsmahl auf eine ganz und gar enttäuschende 1030er Brindaler Mädchentraube ausweichen musste! Trotzdem die Versorgung also schlecht und die Unannehmlichkeiten groß waren, hielt ich die Moral der Eingeschlossenen aufrecht indem ich mit einigen Scherzworten die Bediensteten aufmunterte, der Mauerbesatzung Mut zusprach und mit einem Lächeln über jeden Fauxpas der Diener hinwegsah. Sollte der Feind auch vor den Toren stehen und selbst an ein leichtes 5 Gängemenü in absehbarer Zeit nicht mehr zu denken sein, so würde die Stadt doch aushalten solange ich und meine Gefährten die Stellung hielten.

Es war ein besonders stürmischer und verschneiter Morgen, als ich zum Kontor meines lieben Freundes Stoerrebrandt gerufen wurde, um einen rätselhaften Vorfall aufzuklären. Die Liebe und Achtung meiner Männer beruht schließlich nicht nur auf meinen heroischen Fähigkeiten und Taten auf dem Felde, sondern ebenfalls daher, dass ich, der hochgeborene Baron von Pervin mir noch nie zu fein war, auch derartige Herausforderungen dank meines immensen Intellekts rasch zu meistern. Innerhalb weniger Minuten fand ich heraus, dass eine wohl magisch begabte Person weiblichen Geschlechts einen Gegenstand aus dem Kontor gestohlen hatte und der umtriebige Yindral konnte ihre Spur quer durch die Stadt bis zum Osttor verfolgen. Schmunzelnd brach ich die Verfolgung ab, wusste ich doch, dass der gute Stover schon dafür sorgen würde, dass die Diebin ihre wahnwitzige Tat bereuen würde. Meine Anwesenheit in der gebeutelten Stadt stand jedenfalls nicht zur Disposition und auch meine Gefährten wollten ungern von meiner Seite weichen und der Magierin hinterherreisen. Noch den Kopf über die Torheit dieser Frau schüttelnd die sich mit dem reichsten Mann Aventuriens und einem meiner engsten Freunde angelegt hatte, hörte ich Kampfeslärm aus dem Schneegestöber vor dem Tor. Nachdem ich auch meine Gefährten darauf hingewiesen hatte, gelang es ihnen mit Hilfe der Fernrohre die Flaggen der Rondrakirche sowie des Hauses Gareth auszumachen. Verstärkungen waren eingetroffen und kämpften sich zur Stadtmauer durch.

Wie es meine kaltblütige Art ist, beorderte ich rasch sämtliche Panzerreiter sowie ein Halbbanner Fußsoldaten her, schwang mich, ebenso wie meine Gefährten, aufs Pferd und koordinierte noch während das Stadttor geöffnet wurde unsere Angriffsroute und Kampftaktik. Die 500 Schritt zum feindlichen Lager schmolzen unter den trommelnden Hufen unserer Pferde rasch dahin und wie ein Keil aus Eisen und Stahl folgten die Berittenen mir, der Spitze dieses Angriffs. Einer Axt gleich die morsches Holz spaltet fuhr mein Stoßtrupp in die Reihen der Gegner, kräftige Hiebe wurden rechts und links ausgeteilt und die heimtückischen maraskanischen Söldlinge fanden ihr gerechtes Ende unter meiner meisterhaft geführten Klinge. Einmal durch die Feinde durch ging der Angriff, dann riss ich mein Pferd herum, organisierte meine Reiter neu und preschte mit dem Namen unserer geliebten Kaiserin auf den Lippen erneut in das Schlachtgetümmel. Hurtig stiegen wir von unseren Rössern und stürzten uns in das dichteste Gewühl. Mit der mir eigenen Eleganz perforierte ich elegant einen der Reichsfeinde, band hier den Schnitter des Nächsten und hieb ihm im Gegenzug eine tiefe Wunde in den Arm. Von meinem Vorbild angespornt schlugen auch meine Gefährten auf die Gegner ein. Curthans Anderthalbhänder biss blutige Stücke aus den ihn umkreisenden Maraskanern, Retho Bauernfreund ließ Schlag auf Schlag von seinem Schild abgleiten und der heißblütige Yindral wurde gar derart vom Furor beseelt, dass er gleich mit zwei riesenhaften Infanteristen die Klingen kreuzte. Weitere Feinde drängten sich zwischen mein Häuflein und ihn, so dass nur noch seine dunkle Fellmütze zwischen den Sturmhauben der Söldner zu erkennen war. Elegant wich er den Angriffen aus, schickte hier einen Schurken zu Boden und stieß dort einen anderen zurück. Dennoch wurde seine Lage immer bedrückender, schien doch ein unendlicher Strom von weiteren Gegnern nachzukommen. Natürlich erkannte ich sofort die Gefahr und rief dem über und über mit Blut beschmierten Curthan zu, sich zusammen mit mir zu dem Edlen von Bruck durchzuschlagen, doch noch während wir uns Hieb für Hieb, Schritt für Schritt zu ihm vorankämpften, schien sich die Zeit mit einem Mal zu verlangsamen. Hoch aufgerichtet stand Yindral dort, mit dem Buckler einen Schnitterhieb abwehrend, das Rapier tief in der Brust eines Söldners versenkt. Sein Gewicht, wie ich es ihn gelehrt hatte, auf das hintere Bein verlagert und bereit, der nächsten Attacke auszuweichen. Und hinter ihm, geführt von einem über 2 Schritt großen Gegner, raste unaufhaltsam die Klinge einer schartigen Hellebarde auf seinen Kopf zu. Mit all meiner beachtlichen Kraft katapultierte ich mich nach vorne, die Waffe auf den winzigen ungerüsteten Bereich zwischen Helm und Halsberge des Riesen gerichtet, doch selbst meine an einen zuschlagenden Tiger erinnernde Geschwindigkeit reichte nicht aus. Ein Wimpernschlag bevor das Blut des Schurken aus der Wunde sprudelte und ich seine verrotete Seele gen Niederhöllen schickte, traf seine gifttriefende Waffe den getreuen Yindral und ließ ihn, wie vom Blitz getroffen in den Schnee fallen. Der leidvolle Schrei Curthans entfachte den unbändigen Zorn in meinen Adern noch mehr und einem Unwetter gleich ging ich auf die restlichen Feinde nieder. Wir machten kurzen Prozess mit der Brut und während meine Gefährten einen schützenden Ring aus scharfen Klingen um unseren gefallenen Freund bildeten, versuchte ich, wie von Sinnen, wieder und wieder einen Funken Leben in seinen geschundenen Körper zu zwingen. Ach, wie schwer wurde mein Herz als ich erkennen musste, dass die finstere Saat des Feindes Früchte getragen hatte. Keine Wundpresse, kein Heiltrank, keine Naht würde ihn zurückholen. Yindral, mein treuer Vasall, mein praiosgläubiger Gefährte, mein tapferer Freund war nicht mehr und der einzige Trost an den ich mich klammerte, war die Gewissheit, dass dieser Held, der hier gegen übermächtige Gegner gestanden hatte und nur von einem heimtückischen Giftmischer hinterrücks überwältigt werden konnte, sicherlich bereits jetzt in Praios‘ Lichtpalast saß, über uns Sterbliche wachte und von den Taten berichtete, die ich und meine Gefährten auf Dere vollbracht hatten.“

– Kapitel 24 „Und Rommilys weinte“ aus dem 14. Band „Ich trotzte Rhazzazor – Wie ich den Drachen vertrieb und das Mittelreich rettete“ der bislang unvollendeten Autobiographie des Barons von Hemmwegen zu Pervin.

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