Aus dem Leben des Barons III – Das Ende eines Winters

„Düster vor mich hinbrütend stand ich auf dem höchsten Turm der Wehrmauer und starrte in das Schneegestöber. Während draußen der Sturm mit niederhöllischer Kälte weiterwütete, brannte in mir die heiße Flamme der Wut ob des Verlusts meines geschätzten Yindrals. Und in diesem lodernd heißen Feuer wurde mein Entschluss, ihn zu rächen und die elenden Schurken dort drüben bezahlen zu lassen, zu stahlharter Entschlossenheit geschmiedet. Dank meiner extensiven Literaturstudien und meines umfangreichen Allgemeinwissens war mir bekannt, dass sich im Tempel der Travia die „Schwarzen Gänsefedern“ befanden. Dieses Artefakt, von den Kirchenoberen schon seit Jahrzehnten vergessen, war in der Lage, dem Feind all das zu verderben, was Travia in ihrer großzügigen Güte uns Gläubigen gewährte: Ein sicheres Heim, ein warmes Herdfeuer und schmackhafte Mahlzeiten. Nicht leicht fiel mir die Entscheidung, diese Plage auf unsere Gegner herabzubeschwören, doch mit ihrer Kriegserklärung gegen mich und die zwölfgöttliche Ordnung hatten sie jeden Schutz verspielt. Und so machte ich mich auf, unsere Kaiserin Rohaja, unsere Fürstin und all die anderen wichtigen Häupter in dieser belagerten Stadt zu versammeln, um ihnen meinen Plan zu erklären. Wie Schuppen fiel es dem heiligen Paar von den Augen, dass es im Besitz dieser formidablen Waffe war und nachdem ich in knappen Worten meine Strategie zum Brechen der Belagerung dargelegt hatte, stimmte mir der Rest der hohen Versammlung alsbald zu. Beifall brandete auf, doch mit der mir eigenen Bescheidenheit winkte ich ab. Gäbe es noch einen Menschen mit derartigem Scharfsinn und Können wie ich ihn besitze, so würde dieser sicher beinahe ebenso schnell diesen Plan entworfen und ausgeführt haben.

Kälte und Sturm trotzend schlich ich mich mit meinen Gefährten in der Nacht über die Stadtmauer und auf mehrere Dutzend Schritt an das Lager des Feindes heran. Starke Böen trieben den Schnee vor mir her, während Tränen in meine Augen liefen. Ruhig atmete ich ein, richtete meine Armbrust auf das über diese Entfernung winzig wirkende Zelt der Söldern und zog durch! Wie von einer unsichtbaren Schnur gezogen raste der Bolzen samt der an ihn gebundenen schwarzen Gänsefeder in das Zelt, zu schnell für die Augen der Feinde. In Windeseile lud ich nach und jagte den nächsten Bolzen in das Lagerfeuer der Bande. Heissa, war das ein Geschrei und Aufspringen, als den Verrätern vor Schreck das Herz in die Hose rutschte. Doch bevor sie ihren Mut zusammengekratzt und einen Suchtrupp zögerlich in die Dunkelheit geschickt hatten, waren ich und meine Gefährten bereits beim nächsten Lager, um dort ebenso zu verfahren. Nach diesen wagemutigen Aktionen blieb nur noch, weitere Federn in das Essen des Feindes zu applizieren. Für diese Aufgabe hatte ich Finn Darben ausgewählt, einen vielversprechenden jungen Soldaten, den ich unter meine Fittiche genommen hatte. Ich war recht zuversichtlich, dass dieser jugendliche Kerl aus einfachsten Verhältnissen unter meiner Anleitung zumindest Ansätze von Manieren, Lebenskultur und nützlichen Fähigkeiten würde erlernen können. Nachdem ich den Weg zu den Vorratswagen dank meines vorzüglichen Fernglas eruiert und Finn diesen mehrmals erklärt hatte, schlich er sich mit der Verschlagenheit, die der niederen Klasse zu eigen ist, vor dem ersten Hahnenschrei durch das gegnerische Feldlager. Wie durch meine Beobachtungen vorhergesagt, gelang es ihm, sich an allen Posten vorbeizulavieren und die schwarzen Federn im Vorratswagen zu platzieren. Mit taktischem Genie hatte ich den Rückweg dergestalt geplant, dass er eine weitere der Federn in das Kommandozelt würde legen können, um so der Giftnatter den Kopf abzuschlagen. Während meine Gefährten zitterten und bei den Göttern für die unversehrte Rückkehr Darbens beteten, blieb ich ein Vorbild an Gelassenheit und Würde. Nur bei einem völligen Versagen des jungen Hitzkopfs könnte das Unternehmen noch scheitern, doch wie ich es mir gedacht hatte, blieb auch er unter meiner Führung ruhig und kam bald wohlbehalten an der Stadtmauer an. Mit der angenehmen Gewissheit, dass bald die Wende in dieser unseeligen Belagerung eintreten würde, begab ich mich zu Bett.

Ich war nicht sonderlich verwundert, als meine Maßnahmen bereits am nächsten Morgen Wirkung zeitigten. Ein aufgeregter Lakai brachte mich und meine Gefährten zur Stadtmauer, wo leicht ersichtlich war, dass sich die Lager des Feindes in Auflösung befanden. Die Feuer waren erloschen, schwarze Flecken im Schnee markierten gestorbene Söldlinge und ganze Zeltreihen waren in sich zusammengefallen. Noch während wir unseren Frühstückstee einnahmen, konnten wir mehrere Handvoll Gegner sehen, die in Richtung unserer Mauer liefen. Aufregung durchfuhr meine Gefährten. Würden sie nun wie in die Enge getriebene Ratten bis zum letzten kämpfen? Gerade bei solch niederen Ständen ist die Ähnlichkeit zu diesem schädlichen Nagetier in Wesen und teils auch Aussehen nicht von der Hand zu weisen, aber mir war sofort klar, dass es sich hier um den Versuch handelte, zu uns überzulaufen. Noch bevor der Truppe auch nur 50 Schritt zurückgelegt hatte, wurde er jedoch brutal von hinten niedergeschossen und weiteres Blut tränkte den unschuldig weißen Schnee. Erschüttert von dieser feigen Tat marterte ich mein Hirn. Es musste doch einen Weg geben, diesen armen Seelen zu ermöglichen, sich aus den Klauen der Dämonenpaktierer zu befreien? Gnade und Mitleid waren schon immer einige meiner herausragenden Tugenden gewesen und so schlug ich kurzerhand vor, die Stadttore zu öffnen. Angesichts dieser offenen Einladung an alle restlichen zwölfgöttergläubigen Söldner, sich am wärmenden Herdfeuer Travias zu erholen und den Magen mit gutem Essen zu füllen, würden größere Gruppen überlaufen und ein Zeichen setzen für ihre anderen Kameraden. Natürlich waren die Widerstände gegen einen solch gewagten Plan groß. Curthan murrte etwas von verräterischen Söldnern, Letho Bauernfreund schüttelte wütend seine Fäuste ob der Idee, verlorene Seelen in den Schoß der Kirche zurückzuführen und auch den Rondrageweihten war die ganze Sache nicht geheuer. Unsere strahlende und scharfsinnige Kaiserin jedoch sah sofort das Potential meines Vorschlags, ebenso die Fürstin und das heilige Paar und so half kein Bocken und kein Genörgel, die Tore wurden geöffnet. Und sie kamen, in Dutzenden, in Bannern, in Hunderten, freundlich empfangen von der großherzigen Bevölkerung Rommilys und rasch versorgt mit warmen Decken und nahrhafter Suppe. Mehr als 250 Söldner waren es, die sich zu uns durchschlugen und in ihrer Dankbarkeit von dem Chaos berichteten, dass in ihrem ehemaligen Lager wütete. Dutzende der elendigsten Paktierer waren bereits in der Nacht erfroren oder verhungert, mehr folgten zum Morgen hin. Auch der Anführer des nördlichen Haufens war als Eisstatue in seinem Generalszelt gefunden worden, so dass sich die restlichen Truppen nun nach Neu-Rommilys unter Asmodeus zurückzogen. Aber noch war die Gefahr nicht gebannt, denn es war verkündet worden, dass in zwei Tagen das restliche gegnerische Heer einen letzten Angriff über den Darpat machen würde. Unterstützt von magischen Geschossen und pervertiertem Kriegsgerät würden die fanatischen Horden in die Stadt einfallen um zu vernichten, was zu vernichten war, selbst unter Aufgabe des eigenen Lebens. Von derartigem Verhalten angewidert beschlossen wir, diesem Angriff zuvorzukommen und unsererseits über den zugefrorenen Darpat zu ziehen, um den Kampf in das bereits eh schon verwüstete und zivilistenfreie Viertel zu tragen. Darauf glühend, ihre Schuld bei uns abzutragen, schworen die 250 Soldaten, ihren Teil zum Gelingen des Sturmangriffs beizutragen und alsbald hatte ich das Kommando über 5 Banner hochmotivierte, zu allem entschlossene Kämpfer. Wehmütige Erinnerungen an meine Zweimühlener Soldaten wurden wach. Diese treuen Männer und Frauen, die unter meiner Anleitung so großes vollbracht und an mehreren der härtesten Feldzüge in der Geschichte des Mittelreichs teilgenommen hatten. Auch wenn dieser Söldnerhaufen weder die Erfahrung meiner Zweimühlener noch die taktische Ausbildung, die ihnen durch mich und Curthan zuteil geworden war, besaßen, so war es doch ein erhebendes Gefühl, wieder einen Trupp Soldaten gegen die Feindes des Mittelreichs zu führen. Auf der Ehrenposition eingesetzt, auf der linken Flanke direkt neben dem Banner der Kaiserin, marschierten wir über den Darpat, an der Spitze ich, zusammen mit Curthan und Letho. Auch der junge Darben hatte sich unserem Trupp angeschlossen, wohl aus Begierde, die Urgewalt Curthans, die Sturheit Lethos und nicht zuletzt meine Kunstfertigkeit im Kriegshandwerk aus nächster Nähe zu sehen.

Trompeten erschallen, Trommeln wirbelten, Banner flatterten in der noch immer eiskalten Luft. Und doch lag ein guter Stern über dem Unternehmen, brachen doch endlich, nach Monaten der Trübnis Praios Strahlen durch die Wolken und umgaben die Kaiserin mit einer glühenden Aurora. Angespornt davon, dass der Götterfürst selbst auf unserer Seite stand und voller Bewunderung für unsere mutige Regentin, die an vorderster Stelle stritt, stürmte unser Heer über den Darpat. Dämonische Rotzengeschoße hielten blutige Ernte in unseren Reihen, gigantische Felsbrocken rissen Löcher in das Eis und ließen ganze Banner im frostigen Wasser versinken. Doch über allem ertönte Curthans Schlachtgesang, in dass auch wir und die ehemaligen Söldern einfielen und welches unsere Herzen erglühen ließ. Da tauchten vor uns die ersten Maraskaner auf, wilde Gestalten mit Schnittern und Schilden und sofort hatte ich den hünenhaften Hauptmann ausgemacht, der den Trupp kommandierte, der Yindral getötet hatte! Damals hatte das Opfer eines Dutzend seiner Kameraden ihn vor unserer Vergeltung gerettet, doch nun hatte seine Stunde geschlagen. Höhnisch spie er uns in seiner vulgären Sprache eine Herausforderung zu und hob drohend seine grünlich glänzende Klinge. Kalter Zorn fuhr durch meine Adern und wenige Schritte vor ihm katapultierte ich mich panthergleich auf ihn zu. Für einen kurzen Moment wich der tumbe Ausdruck in seiner Visage erst Verstehen, dann Entsetzen, als er erkannte, mit wem er da die Klingen kreuzte, dann war es auch bereits zu spät und mein Rapier durchbohrte seine Kehle, noch bevor er seinen Schild auch nur anheben konnte. Ehe sein toter Körper den Boden berührte, war ich bereits über ihn hinweggeschritten und stach mit blitzschnellen Hieben bereits den nächsten Gegner nieder. Angst und Schrecken machten sich in den Reihen unserer Feinde breit, als mehr und mehr ihrer Kämpfer von Curthan und Letho niedergemäht wurden. Auch wenn einige unserer Mannen niedersanken, so hielten wir doch blutige Ernte unter diesen Schändlingen und es dauerte nicht lange, da wankte ihre Flanke erst unter unseren wuchtigen Schlägen, dann brach sie ein. Doch noch bevor wir die Lage ausnutzen und das gegnerische Heer aufrollen konnten, ertönte ein gräßlicher Schrei vor uns. Ein Trupp Elitesöldner sowie Asmodeus hastete mit dem abgeschlagenen Kopf unserer Fürstin auf den Darpat in der Hoffnung, auf diesem unserem gerechten Zorn zu entkommen. Aufs äußerste erzürnt über den Tod unserer tapferen Lehnsherrin stürzten wir ihnen hinterher und stellten die gut zwei Dutzend Kämpfer alsbald auf dem Eis. Bei dem schnellen Lauf hatten wir unsere Truppen längst hinter uns gelassen, so dass nur meine treuen Gefährten, der junge Darben sowie Akarash, ein Zwerg aus unserem Aufgebot dem wahnsinnigen Magier und seinen Mannen entgegenstanden. Bevor der erste reagieren konnte, hatte ich bereits das Zauberschildartefakt, das mir von einem Bewunderer geschenkt worden war, aktiviert und das keinen Augenblick zu früh! Aus dem Stab Asmodeus raste eine kränklichgrüne Flammenkugel auf uns zu, nur um an meinem Zauberschild zu zerschellen. Glühendes Feuer ging auf seine eigenen Söldlinge nieder, während wir lediglich von einem heißen Hauch getroffen wurden. Und dennoch stand es nicht gut für unsere Sache, befanden sich doch zwischen uns und dem Zauberer immer noch die Söldner. Ohne eine Möglichkeit, ihn zu bedrängen würde er uns einfach wieder und wieder verzaubern und so langsam aber sicher bezwingen.

Unter normalen Bedingungen bereits erstaunlich, läuft mein Gehirn unter Druck zu geradezu sagenhaften Hochleistungen auf. Mit einem „Für Rohaja, für das Mittelreich“ auf den Lippen stürzte ich mich auf gleich eine Handvoll Gegner und band diese im Nahkampf. Glücklicherweise erkannte selbst Letho, wie hier zu verfahren war und machte es meinem Beispiel nach. Zusammen mit Finn und Akarash waren so die Nahkämpfer in ein wildes Gefecht verwickelt, was Curthan den Weg freimachte, zu Asmodeus durchzubrechen. Mit jedem seiner donnernden Schritte mehr Fahrt aufnehmend stampfte er auf den schmächtigen Zauberer zu, im Rhythmus seines Laufs die Waffe schwingend. Drohend richtete der verdorbene Magier seine Krallenhand auf den Edlen von Ropadeshof, doch ein Feuerstrahl aus meinem Feuerstrahlartefakt, auch dieses war mir von einer Verehrerin vermacht worden, versengte ihm die Finger und ließ seinen Zauber verpuffen. Bevor er zu einer weiteren Inkantation ansetzen konnte, hatte Curthan ihn erreicht und trieb ihm den Anderthalbhänder erst bis zum Heft in die Brust und dann hinauf bis zur Kehle. In einem Sprühregen aus Blut hauchte der Heerführer sein unheiliges Leben aus während seine Seele schnurstracks in die niederhöllische Seelenmühle fuhr. Eine Explosion zerriss seinen Körper und warf Curthan sowie die verbliebenen Söldner zu Boden. Dere war endlich befreit von Asmodeus von Andergast, der Geißel von Garethien, dem Brandstifter von Bohlenbrück, dem Knechter von Knotenbrück. Yindrals Tod war gerächt! Und ich fühlte, dass er uns in diesem Moment zusah und es für gut befand.“

– Kapitel 28 „Das Ende eines Winters“ aus dem 14. Band „Ich trotzte Rhazzazor – Wie ich den Drachen vertrieb und das Mittelreich rettete“ der bislang unvollendeten Autobiographie des Barons von Hemmwegen zu Pervin.

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