Aus dem Leben des Barons IV – Wie ich einmal einen Drachen besiegte und das Kaiserreich rettete

Die Sonne hatte sich bereits über ihren Zenit hinausbewegt, als endlich die Tore der Kaiserstadt Gareth krachend geöffnet wurden. Dutzende Herolde sprangen auf den Weg und ließen in einer peinlichen Zurschaustellung von schlechtem Geschmack Answins Hymne erschallen, während weitere Bedienstete Teppiche ausrollten und Rosenblüten auf diesem verteilten. Wie nicht anders zu erwarten hatte sich der Usurpator zu dem Duell verspätet, das endgültig die Thronfrage des Mittelreichs klären sollte. Während die edle Rohaja und ihr Heer bereits pünktlich Position bezogen hatte und nun mit dem nötigen Ernst schweigend auf den Kontrahenten wartete, hatte sich der unrechtmäßige Gegenkaiser noch den feisten Wanst mit Wachtelbrüstchen und Schaumwein gefüllt. Ein einzelner Sonnenschein reflektierte auf dem Harnisch des Verräters, der mit geschlossenem Visier auf einem schwarzen Ross durch das Tor geritten kam. Seine Speichellecker jubelten und johlten in vollkommener Verkennung der Lage. Verächtlich schnaubte ich. Lediglich ein absoluter Einfaltspinsel würde auf diese jämmerliche Charade reinfallen. Das verbrecherisch an sich gerissene Kaiserschwert Silpikon hing nicht an der Seite des Berittenen, das Visier des Helms war heruntergelassen und die plärrende Stimme des alten Mannes war auch nicht zu hören. Nie im Leben war dieser Reiter Answin. Ich schüttelte amüsiert das Haupt ob dieses billigen Tricks. Natürlich wollte Answin nicht seinen eigenen Kopf im Duell hinhalten, wußte der Tattergreis doch ganz genau, dass er der jungen, talentierten Kaiserin unterlegen war. Welchen Trottel mochte er wohl in die Rüstung gezwungen haben? Eigentlich kam nur einer in Frage, doch bevor ich meine Gefährten darauf hinweisen konnte, verdunkelten auch bereits von der Garether Stadtmauer abgeschossene Armbrustbolzen den Himmel und in wenigen Augenblicken sank der angebliche Answin getroffen zu Boden. Mit schmutzverkrusteten Fingern entfernten einige der Söldner den Helm des Gestürzten und siehe da, wie ich es vermutet hatte, steckte der unsägliche Ludeger Rabenmund in seines Vater Rüstung.
Natürlich hatte Answins zweiter Sohn Barnhelm seine Finger in diesem Anschlag. Nachdem ich am gestrigen Tag subtil das Thema des Erbes der Rabenmunds aufgebracht hatte, war ein Keil in die Familie getrieben worden. Jeder der Söhne Answins wollte dessen Erbe antreten und was wäre einfacher, als die anderen Anwärter auszuschalten? Barnhelms Gier hatte so praktischerweise Answins Plan, das Duell zu umgehen, vereitelt und natürlich würde er keine Mühe scheuen, dieses feige Attentat auf Rohaja zu schieben. „Meine Kaiserin“, sprach ich aus den Mundwinkeln, „macht euch bereit. Diesen Gesichtsverlust kann der Alte nicht hinnehmen, er wird das Duell nicht austragen, sondern zum Angriff blasen, in der Hoffnung, unser Heer zu zermalmen und so die Krone an sich zu reissen.“ Noch ehe mir die Worte komplett über die Lippen gegangen waren, ertönte auch bereits das Signal aus den Hörnern der Söldner und in einer Woge aus Stahl und Eisen walzte Answins Heer ungeordnet auf unseren tapferen Haufen zu. Zahlenmäßig zwar eins zu fünf unterlegen, doch taktisch weitaus besser vorbereitet und ausgebildet, führte die Kaiserin mit strategischer Brillanz unsere Truppen, so dass es Rabenmund nicht gelang, seine zahlenmäßige Überlegenheit auszuspielen. Wieder und wieder ließ sie seine Angriffsbemühungen ins Leere laufen, täuschte einen Kavallerieangriff vor, um dann an ganz anderer Stelle einen Trupp Soldaten vorzuschicken und dem Feind empfindliche Verluste zuzufügen. Mochte der Giftmischer auch Toben, so würde er nicht die Krone an sich reißen können.

Trotzdem schmerzte es in unserem Herzen, dass hier tapfere Töchter und Söhne des Mittelreiches fielen und so preschte ich mit meinen Gefährten zum Kloster der heiligen Noiona um Kaiser Hal zu holen, dessen Autorität die Schlacht sicherlich stoppen würde. Keinen Augenblick zu spät erreichten wir das Kloster, vor dem bereits ein Dutzend Pferde mit dem Zeichen der Rabenmunds grasten. Dieser elende Verräter zeigte wieder einmal, dass er vor feigem Mord nicht zurückschreckte! Mit gezogenen Waffen stürmten wir ins Dunkle, gewahrten entsetzt, dass bereits blutige Ernte unter Insassen und Pflegern gehalten worden war und stürzten uns mit gerechtem Zorn auf die ehrlosen Mordbrenner. Wie ein Wirbelsturm raste ich durch die Gegner, punktierte Lungen, durchstieß Arme und verteilte Knaufschläge nach Gutdünken auf die tumben Häuptern der Mörder. Als sich der letzte Gegner gerade mit blutiger Axt über seiner Majestät aufrichtete und sich daran machte, ihm den Schädel einzuschlagen, traf ihn das Schwert Curthans und setzte seinem wertlosen Leben ein Ende. Rasch erläuterte ich Hal die Lage und mit der seiner Familie eigenen Entschlossenheit und Tapferkeit rüstete er sich, ließ die goldene Lanze herbeirufen und unter den bewundernden Blicken der Bürger und Soldaten erreichten wir alsbald das Schlachtfeld. Hier hatte sich Answin mittlerweile im Schutze seiner Leibwache zu Rohajas Feldherrenhügel vorgekämpft und kreuzte dort mit der Kaiserin selbst die Klingen. Schwitzend und fluchend ließ er Silpikon auf sie niederfahren, nur um von ihr mit Leichtigkeit pariert zu werden. Während der Kampf der einfachen Soldaten mit der Ankunft des Gottkaisers Hal abebbte und der Weg für uns freigemacht wurde, versuchte Answin erneut mit einem heftigen, doch ungenauen Schlag die Kaiserin zu verletzen. Wieder prallte Stahl auf Stahl, wieder schall ein Fluch über das mittlerweile ruhige Schlachtfeld. In diesem Moment wurde auch Rohaja ihres Großvaters gewahr und mit einem Ausdruck der äußersten Überraschung und Freude blickte sie auf den für tot Geglaubten. „Großvater, du bist es wirklich!“ Wie Praios den Tag erhellt, so erhellte Rohajas Lächeln das Schlachtfeld. In den Augen der gemeinen Soldaten kämpften Tränen der Rührung mit denen der Freude über die Rückkehr des Kaisers und selbst aus der Reihe von Rohajas Leibwache war ein verräterisches Schniefen zu hören! Auf diesen Moment der Ablenkung hatte Answin nur gewartet. Sein heftiger Hieb durchdrang die Brünne Rohajas am Bein und mit einem Aufschrei fiel die Überraschte zu Boden. Triumphierend riss Answin Silpikon über den Kopf um ihr den Rest zu geben, doch als das Kaiserschwert niederfuhr, traf es auf Hals Klinge. „Answin, ich kann das nicht zulassen! Gib auf und beende dies. Das Mittelreich braucht Ruhe!“. Doch die großherzigen Worte Hals drangen in das verblendete Hirn nicht ein und wie von Sinnen hieb der verstockte Verräter nun auf Hal ein. Ein Raunen der Empörung ging durch die versammelten Soldaten und schon machten sich einige Hellebardiere auf, diesen Frevler in seine Schranken zu weisen. „Nein“, sprach Hal, „bleibt zurück!“ Mit einer Geste gebot er den Männern Einhalt und übersah dabei, dass der Alte mit der linken Dreck vom Boden aufgehoben hatte. „Majestät!“, versuchte ich ihn zu warnen, doch da war es bereits geschehen. Eine Staubwolke bedeckte die Augen Kaiser Hals und blendete ihn und schon bohrte sich Silpikon tief in seine Brust.

Für einen Augenblick war es totenstill, dann erfüllte ein wahnsinniges Kreischen die Wiesen vor Gareth. Razzazor! Das kaiserliche Herzblut auf Silpikon hatte ihn gerufen und erneut hatte Answin eine Katastrophe über das Mittelreich heraufbeschworen. Wohin ich auch blickte, sanken schmerzverzerrte Soldaten zu Boden, sich den Kopf haltend, die Augen verdeckend, Blut hustend. Nur dank meines stählernen Willens blieb ich aufrecht stehen und animierte meine Gefährten, diesem Vorbild zu folgen. Die Praiosscheibe wurde von aschgrauen Wolken verdunkelt und in einer Schwade fauligen Gestanks ging der Drache nieder. 20 Schritt hoch, ein Dutzend Quader schwer, ein Berg verfaulenden Fleischs und geschwärzten Knochen. Sein blauer Flammenatem verbrannte schreiende Soldaten rechts und links, unter seinen Füßen wurden Gliedmaßen und Brustkörbe zerquetscht, als eine untote Klaue nach Silpikon griff und sich das Schwert in die Brust rammte. „Bei den Zwölfen“, schoß es mir durch den Kopf, „das wird häßlich werden! So wie Orloff aus dem Dolch in seiner Brust die Lebenskraft aus den Bewohnern Wehrheims in sich hineinsaugte, so würde es Razzazor nun mit den Bewohnern Gareths machen!“ Wir mußten sofort etwas unternehmen. Rasch gab ich Curthan und Letho Anweisungen und wir fächerten auf, um den Drachen in die Zange zu nehmen. Mit jedem Schritt, den wir uns näherten, wuchs mehr Fleisch nach und das lästerliche Gerede des Drachen erscholl in unseren Köpfen. Anscheinend war er mächtiger denn je und konnte so die Kette, die er um seinen Hals hängen hatte, abschütteln. Ein lauter Knall ertönte, als die Kettenglieder zu Boden fielen und der Drache von Untod zu Leben wechselte. Für einen Moment zögerten meine Gefährten angesichts der unvorstellbaren Macht, doch mein entschlossener Tonfall und meine ruhigen Worte bewegten sie dazu, zum Angriff überzugehen. Curthan würde mit heftigsten Hieben das Monster ablenken, während ich mit Letho zum Kopf des Drachen klettern würde, um dort den Stab des Vergessens gegen das Untier einzusetzen. Auch wenn Letho von den Schlägen des Drachen arg gebeutelt wurde, gelang es mir doch mit der Gewandheit eines Panthers seinem mächtigen Schweif auszuweichen und mich zur kutschengroßen Brust des Monsters vorzuarbeiten. Mit der mir eigenen Stärke wiederholte ich mein Wehrheimer Meisterstück, indem ich Silpikon aus der Brust riss und es weit ins Schlachtfeld hineinwarf. Ein Wutschrei ließ den Boden erzittern, als Razzazor bemerkte, dass er die Bürger der Stadt nicht weiter verderben konnte und dass seine Wunden sich nun nicht mehr schließen würden. Rasend vor Zorn schnappte er nach der am Boden liegenden Rohaja und wenigstens jetzt, beinahe zu spät, sah Answin ein, dass er wie der törichte Narr gehandelt hatte, der er nun einmal war. Todesverachtend sprang er zwischen die Kaiserin und den riesigen Kiefer, um das Untier abzulenken, während Rondrian von Paligan die schwerverwundete Kaiserin aus der Gefahrenzone trug. Wieder senkte sich das Maul Razzazors nieder und hätte die Kaiserin wohl mitsamt Rondrian verschlungen, da stürzte sich der gepanzerte Answin selbst zwischen die Zähne des Drachen. Kein Schrei war zu vernehmen, nur das Bersten der Rüstung und das Knacken der Knochen, als der Usurpator zerfetzt wurde. Zumindest in seinem Tode hatte er seinen Irrweg eingesehen und sein Leben für das der Kaiserin gegeben. Während dieser Ablenkung war es uns gelungen, bis zum Kopf vorzuklettern. Auch wenn das, was ich nun vorhatte, mein Leben kosten würde, zögerte ich keinen Moment. „Nun gilt es, Letho. Ich werde mich mit dem Stab des Vergessens in den Schlund des Drachen stürzen, nur so können wir die Seelen nah genug an sein Hirn bringen und ihn bezwingen! Sagt meiner Gattin, dass ich sie liebe. Sie wird verstehen, dass ich nicht anders handeln konnte.“ Doch mit festem Blick schaute mir Letho von Rabenmund in die Augen. „Nein, mein Baron. Ich kann nicht zulassen, dass ihr euch opfert! Die Menschen, das Mittelreich, die Kaiserin brauchen euch! Ich werde diese Bürde tragen, sorgt ihr nur dafür, dass dieser götterverfluchte Drache sein Maul aufreißt.“ Erschüttert von den tapferen Worten des treuen Gefährten fehlten mir die Worte und lediglich mit einem Nicken konnte ich ihm zeigen, dass ich diesem Plan zustimmte. Wir reichten uns ein letztes Mal die Hand. „Wir sehen uns an Rondras Tafel!“.

Mit bloßen Händen robbten wir die Schnauze entlang und erreichten trotz flammendem Atem und markerschütternden Bewegungen ihre Spitze. Als ob Razzazor unseren Plan ahnen würde, hielt er sein Maul fest geschlossen und trachtete danach, uns mit seinen Krallen zu zerfetzen. Mit aller Kraft, mit brennenden Muskeln und zitternden Sehnen zwängte ich Stück für Stück die Drachenkiefern auseinander. Schweiß brannte in meinen Augen, als ich meine Füße in der schuppigen Haut verankerte und ächzend erst einen kleinen dann einen größeren Spalt zwischen seinen Zähnen erschuf. Mein Rücken schmerzte, als wollte er brechen, kaum gelang es mir genug Luft in die Lungen zu pumpen, verzweifelt hörte ich das Blut in meinen Adern pochen wie ein Schmiedehammer. Eine Kralle durchschlug mein Kettenhemd und hinterließ eine blutige Furche an meiner Schulter. Es ging nicht weiter, es war unmöglich, niemals würde ich… doch just in diesem Moment der Zweifel spürte ich einen Lichtstrahl aus dem verhangenen Himmel brechen, der warm auf meinen Körper schien. Vorbei war das Hämmern, vorbei die Erschöpfung, vergangen der Schmerz, Ruhe umfing mich, nur zwei Worte erfüllten meinen Geist: „Bei Praios!“ und mit einem letzten Aufbäumen, das meinen gesamten Körper aufschreien ließ, gelang es mir, die Lücke soweit zu vergrößern, dass sich Letho ins Maul des Drachen rollen konnte. Vollkommen verausgabt klammerte ich mich an der Schnauze fest, als Razzazor nun versuchte, den ungewünschten Happen aus seinem Mund zu spucken. Doch diese Mahlzeit war unverdaulich für das Monster, denn nun hörte man aus dem Inneren heulend die Seelen aus dem Stab entkommen. Feuerspuckend und wie rasend warf der Drache seinen Kopf hin und her, so dass selbst ich mich nicht mehr halten konnte und zu Boden geschleudert wurde. Im Flug bereits korrigierte ich meinen Fall, rollte mich auf dem Boden ab und stand daher gerade rechtzeitig wieder, um zu sehen, wie Razzazors Kopf in einer mächtigen Explosion verging. Während Fleischfetzen und Knochen auf das Schlachtfeld niederregneten, rannen mir Tränen der Trauer und des Glücks über die Wangen. Mit einem langen Blick zum Himmel verabschiedete ich mich von Letho. „Grüß mir Yindral, mein treuer Freund!“

– Kapitel 45 „Wie ich einmal einen Drachen besiegte und das Kaiserreich rettete“ aus dem 14. Band „Ich trotzte Rhazzazor – Wie ich den Drachen vertrieb und das Mittelreich rettete“ der bislang unvollendeten Autobiographie des Barons von Hemmwegen zu Pervin.