Tombstone Epitaph I

Verrückter Angeber oder heimtückischer Spion?
Denver – Es war ein sonniger Mittag, als sich Ihr ergebener Reporter Jim Pooley mit dem Mann traf, der von sich behauptet, den geheimnisvollen Duellanten getötet zu haben, welcher in den letzten Monaten so manchen tapferen Gesetzeshüter auf den Friedhof geschickt hatte (der Epitaph berichtete). Im hervorragenden Gasthaus „Zum wilden Bronco“ (Mittagstisch 1 $, gekühlte Getränke, 4 Biersorten) befragte ich den sich selbst „Ignacious Bennet, Viscount of Sunderland“ nennenden Briten und seine wild zusammengewürfelte Reisegruppe nach den Ereignissen in Boulder City. Düster gewandet in einen nachtschwarzen Mantel, zwei altertümliche Schwerter im Gürtel und eine kompliziert aussehende Armbrust auf dem Rücken stand mir der „Viscount“ Rede und Antwort. Sein bleiches Gesicht zeigte bei seiner Schilderung kaum eine Regung. Zusammen mit seinen Mitreisenden gab der angebliche Sir Bennet an, dass er den Duellanten um 12 Uhr Mittags am 13. August im Jahre des Herrn 1876 mit einem Schuss ins Herz getötet habe, und zwar auf der Hauptstraße von Boulder City. Nachforschungen des Epitaphs bei den braven Bürgern der Stadt gaben ein zwiespältiges Bild von dem Duell. Übereinstimmend sagten die Zuschauer der Begegnung aus, dass der „düstere Fremde mit der Armbrust“ seine Waffe vor dem „düsteren Fremden mit dem Colt“ gezogen habe und dass der angeblich so zielgenaue Schuss ins Herz angesichts eines Explosionsbolzens, der den ganzen Brustkorb des Gegners aufriss, wohl als pure Aufschneiderei aufgefaßt werden kann.
Wie der Epitaph bereits früher vermutet hatte, soll es sich bei dem getöteten Duellanten um ein übernatürliches Wesen gehandelt haben. „Sein Gesicht war nie zu sehen!“, berichtete John Wicket. der humpelnde Begleiter des Briten, „Und er war unverwundbar!“, rief Will Edwards dazwischen, ein aufgeweckter Dreikäsehoch und ebenfalls Mitglied der sonderbaren Entourage des angeblichen Adligen. Auf meine Frage hin, ob das Gerücht stimme, dass es sich bei dem Duellanten um einen Auftragsmörder handelte, wiegelte der „Viscount“ ab, davon sei ihm nichts bekannt. Die Nachforschungen des Epitaphs ergaben, dass der dritte Begleiter des Briten, Mr. Hudgeson, in dessen Beisein eine Liste aus dem Besitz des Duellanten mit den Namen der erschossenen Gesetzeshüter gefunden hatte und aufgrund dieser die Theorie aufstellte, es handele sich um einen bezahlten Killer. Nun will sich Sir Bennet nicht mehr daran erinnern. Irrsinn? Senilität? Oder steckt ein perfider Plan hinter dieser „Vergesslichkeit“?

Auf die Frage, was er in unserem schönen Land mache, gab „Viscount“ Bennet an, ein Mitarbeiter des britischen Innenministeriums zu sein. Nähere Auskunft über seine Vorgesetzten wollte er ebensowenig geben, wie über seinen Auftrag, versicherte aber treuherzig, bei unseren Regierungen akkreditiert zu sein. Unsere Kontaktmänner in Washington und Richmond versicherten uns allerdings, dass die Regierungen von dieser Person noch nie kontaktiert worden seien und von der Existenz des „Viscounts“ nichts wüssten.

Was ist also die Motivation des finster gekleideten Engländer? Ist er ein einfacher Aufschneider? Ist er ein flüchtiger Insasse Bedlams? Oder ist er ein Spion der Krone, der in den „ehemaligen Kolonien“, wie die Briten unsere geliebten Staaten immer noch zu bezeichnen pflegen, nach Möglichkeiten sucht, um das Land wieder unter die Knute der Rotröcke zu zwingen?
„John Bull, lass deine Finger von Amerika!“, ruft empört:
Ihr ergebenster Jim Pooley

Auf Seite 3: George Washington in Detroit gesichtet.