Im Herzen der Finsternis – Regen

Der Weg durch den Urwald war beschwerlich, doch langsam gewöhnte ich mich an die Unannehmlichkeiten. Jeder Dschungel hat seinen eigenen Takt, seine eigene Melodie. Und wer nicht in dieser grünen Hölle versinken möchte, der ist gut damit beraten, sich auf diese Melodie einzustellen und nach ihr zu tanzen. In diesem Urwald trommelte gegen die Mittagszeit für eine Stunde ein ausdauernder, alles durchnässender Regen herab und machte ein Weiterreisen unmöglich. Da Kutekutak es nicht für nötig gehalten hatte, uns zu warnen, waren wir am ersten Tag zur kaum verhohlenen Schadenfreude des Mohas nass geworden wie brünstige Hinterhofkater, bevor es uns gelang, die Zelte aufzustellen. Während wir auf das Ende des Regens warteten, löcherte die Moha Zwerg und Halbelf weiter mit ihren Fragen und bewies mit dem zielstrebigen Einsatz ihrer Reize eine Berechnung, die jeder Mitgiftjägerin Al Anfas gut zu Gesicht gestanden hätte. Als der Regen schlagartig stoppte und der nun aufsteigende Dampf den Blick vernebelte, nutzte ein Waldpanther die Gunst der Stunde und griff unseren Elefantenführer an. Meine Vermutung, dass Tollwut das Raubtier dazu gebracht hatte, eine mehrköpfige, ihm überlegene Gruppe anzugreifen, erwies sich glücklicherweise als falsch. Als es nach wenigen Hieben jaulend zwischen den Bäumen verschwand, wurde mir klar, dass wohl der Hunger es zu diesem aussichtslosen Überfall motiviert hatte. Vielleicht ein altes Tier, zu schwach, schnelle Beute zu jagen und nun von Hunger gequält dazu gezwungen, selbst überlegene Gegner anzugreifen, solange sie nur langsam genug waren. Während die anderen Mohas den Verwundeten ausschimpften und wir die Ausrüstungsgegenstände, die der überängstliche Elefant bei dem Angriff verloren hatte, zu retten versuchten, stahlen sich erneut Erinnerungen in meine Gedanken.

Einen offenen Angriff eines Tigers hatte ich vorher nie erlebt und trotzdem hatten wir Verluste durch diese Raubkatzen erlitten. Einzelne Kameraden, die sich hatten zurückfallen lassen oder die des Nachts ihre Bedürfnisse fern des Lagers verrichtet hatten, waren teils ohne Spur verschwunden, teils konnten sie schwer verwundet gerettet werden, nachdem ihr Geschrei den Rest von uns aus seinem unruhigen Dösen geweckt hatte. Ich wischte mir über das Gesicht, um die grausamen Bilder zu verscheuchen und nachdem die oberflächlichen Wunden Hudujotukla von Kutekutak ruppig verbunden worden waren, reisten wir weiter. Mehr und mehr stellte ich mich auf den Rhythmus des Dschungels ein und begann, seine Melodie zu verstehen. Als am nächsten Tag die Luft eine bestimmte Qualität annahm, ein bestimmter Druck sich auf die Ohren legte, ahnte ich, dass der Regenschauer bald einsetzen würde und so gelang es uns, die Zelte rechtzeitig aufzubauen. Kutekutak konnte sein Bedauern kaum verhehlen. Während ich stoisch in den Regen stierte, behielt ich den Moha im Augenwinkel und konnte sehen, wie ihn das Zittern packte. Der armselige Versuch, seine Sucht zu verbergen galt wohl nur noch seinem eigenen Stolz. Jeder mit zwei Augen im Kopf sah durch seine billige Tarnung hindurch, als er sich einem Busch zuwandte und vortäuschte, Blätter zu sammeln, während seine Rechte flink einen Flachmann aus dem Beutel zauberte und zu seinem Mund führte. Immer stärker wurde der Gedanke, dass Kutekutak zu einer Belastung und damit zu einer Gefahr für die gesamte Gruppe wurde.

In einer feindlichen Umgebung wie dieser hatte sich Schwäche noch immer als Sendbote des Untergangs erwiesen. Einige meiner Kameraden hatte die nervliche Anstrengung der andauernden Kämpfe, der ständig präsenten Gefahr im unendlich wirkenden Dschungel in die Vergessen bringenden Arme des Alkohols oder noch härterer Rauschmittel geführt. Ich kannte keine Handvoll, denen das nicht zum Verhängnis geworden war, schlimmer noch: in der Regel hatte ihr Verhalten schlimme bis katastrophale Auswirkungen auf den Rest der Truppe gehabt. Ich überlegte noch, ob ich meine Bedenken Don Brodinger mitteilen sollte, da endete der Regen schlagartig und sofort stieg dichter Nebel auf, wie verlorene, missgünstige Seelen, die uns ins Verderben ziehen wollten. Auch an diesem Tag nutzte ein Räuber die Gunst der Stunde und attackierte Don Surez. Für einen kurzen Moment stockte mir der Atem, als ich einen unförmige Schatten im Nebel wabern sah, der glücklicherweise vergeblich nach dem flinken Magier hieb, dann übernahmen die Reflexe meine Handlungen, ließen mich auf die Gefahr zulaufen, im Lauf die Waffe ziehen und eine günstige Angriffsposition einnehmen. Neben mir richtete der Zwerg seine Armbrust auf den Gegner und kurz bevor ich den Kampf zwischen dem Halbelfen und dem Angreifer erreichte, zog zielsicher ein Bolzen an mir vorbei und bohrte sich in das Tier. Nachdem ich nun auf Schlagreichweite herangekommen war, konnte ich erkennen, dass es sich um eine Riesenamöbe handelte, die in diesem Augenblick eine Art Arm ausbildete und erneut nach dem Magier schlug. Gewandt wie ein Torero beim Stierkampf ließ er den Angriff ins Leere laufen und nachdem mein Hieb die Amöbe aufschlitzte und eine seltsam riechende Flüssigkeit auf den Dschungelboden schwappte, raste eine mächtige Flammenlanze aus den Fingern des Magiers. Einige der allgegenwärtigen Insekten die den Anstand besessen hatten, in die Bahn des Feuers zu gelangen, torkelten verbrannt zu Boden, dann traf das Geschoss die Amöbe, welche in der Hitze zu kochen anfing und in Sekunden zerplatzte. Angewidert betrachteten wir die Reste, während ich den Amöbenschleim von der Klinge wischte. „Ihr zu laut, darum Angriff!“ Nachdem die Gefahr beseitigt worden war, versuchte Kutekutak sich wichtig zu machen und uns so von seinem Versagen, uns sicher durch den Urwald zu führen, abzulenken. Die finsteren Blicke, die wir ihm zuwarfen, ließen ihn jedoch verstummen und so zog er bald rasch wieder ab.

Als der Nachmittag langsam in den Abend überging, lag eine angespannte Stimmung über der Gruppe wie eine Dunstglocke über dem Gerberviertel. Nur die nötigsten Worte wurden gewechselt und selbst die Moha, sonst bemüht wie eine Brabaker Straßendirne, hatte nach einigen einsilbigen Antworten die Lust verloren und lief nun schweigend neben dem Elefanten her. Eigentlich wäre es, angesichts der feindlichen Umgebung, der gefährlichen Tiere, des ständigen Blutzoll an die uns zu Myriaden umschwirrenden Insekten, des unablässigen Kampfes um den nächsten Schritt durch den widerspenstigen Wald, das Beste gewesen, zusammenzurücken, füreinander einzustehen und die Widrigkeiten gemeinsam anzugehen. Doch weit gefehlt! Jeder lief für sich allein und verlor sich immer tiefer in seinem Schneckenhaus, Verstand genannt. Der Dschungelkoller kam langsam näher und wir mussten aufpassen, dass uns die Atmosphäre nicht zu sehr an die Nieren ging. Seinen Teil zu der angespannten Stimmung hatte die Strafmaßnahme von Don Brodinger beigetragen, der Kutekutak die Schnapsflasche abgenommen hatte, als Bestrafung für dessen Inkompetenz und Aufmüpfigkeit. Die Hasstirade die der Moha ausstieß, hätte einen gestandenen Seemann erröten lassen wie eine Traviaakoluthin, aber da niemand die Sprache des Eingeborenen verstand und ich meinen Trumpf, jedes Wort der Begleiter unbemerkt zu verstehen, im Ärmel belassen wollte, wurde der Ausbruch Kutekutaks ignoriert. Beim Aufbau des Abendlagers hatte bereits der Tremor seinen Körper ergriffen.
Da er sich jedoch auch bisher immer nur um seine eigenen Sachen gekümmert hatte, war sein Ausfall beim Einrichten der Nachtlager und Entfachen des Feuers kein Verlust. Nachdem wortlos eine karge Mahlzeit eingenommen worden war, machte sich der Zwerg auf die Suche nach jagdbarem Wild, um so zumindest das Frühstück zu einer erfreulicheren Angelegenheit zu machen. Während der Magier ein Gespräch mit Don Brodinger begann, das lustlos dahinplätscherte wie ein versickerndes Rinnsal in der Wüste, befreite ich mein Schwert von Flugrost und wartete meine Ausrüstung. Es dauerte keine Stunde, da riss uns Gambosh aus unserem Dahinbrüten, als er mit einem weiteren Zwerg im Schlepptau aus dem Dschungel trat. Wie es schien, war genau dieses Ereignis nötig gewesen, um uns aus unserem eigenen geistigen Gefängnis zu befreien. Wo eben noch ein jeder verstockt in seiner Ecke gebrütet hatte, saß man nun gemeinsam am Feuer und unterhielt sich mit dem Fremden.

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Im Herzen der Finsternis – Aufbruch

Das Pflaster in der Stadt war heiß geworden, zu heiß für mich. Die schwüle Sommerhitze lag dieses Jahr noch unerträglicher über den Gassen und brachte Gewalttätigkeiten und Tod in ihrem Gefolge mit. Die großen Fische im Teich ließen sich von der Atmosphäre anstecken und begannen, sich zu regen. Beim Versuch, ihren Einfluss zu vergrößern und ihre Rivalen zu vernichten war den Granden jedes Mittel recht. Offene Kämpfe zwischen den Wachen der einzelnen Familien, Anschläge auf echte oder eingebildete Anhänger anderer Häuser, verschiedenste Straßenbanden, die von den Granden bezahlt wurden, um ihren Gegnern zu schaden; wie tollwütige Hunde schnappten die mächtigen Familien um sich und ließen so die komplizierte, aber seit Jahrzehnten etablierte Balance der Macht in sich zusammenfallen wie ein Mietblock in den Favelas. Das Blut färbte die Straßen rot, als der kollektive Wahnsinn weiter um sich griff und die allgemeine Unruhe genutzt wurde, um offene Rechnungen zu begleichen. Kleinen Fischen wie mir blieb nichts anderes übrig, als sich bedeckt zu halten, um zwischen den Machtblöcken nicht zerrieben zu werden. Mein Netzwerk an Informanten war bald zerrissen, meine Kontakte entweder untergetaucht, nicht mehr vertrauenswürdig oder tot. Als die Stadt immer tiefer in einem Strudel aus Gewalt versank, entschied ich mich, meine Investitionen abzuschreiben und Al Anfa zu verlassen, bis die Haie genug Blut gesoffen hatten und sich ein neues Gleichgewicht einstellen würde. Es würde eine kostspielige Angelegenheit werden, wieder in das Geschäft einzusteigen und so war mein erstes Ziel, ausreichend Mittel zu beschaffen, um im Winter meine eigene kleine Domäne in Al Anfa einrichten zu können. An Bord eines Seelenverkäufers gelangte ich aus der Stadt und die angenehme Seeluft kühlte meine überhitzten Sinne. Fürs Erste war ich der Knochenmühle Al Anfas entkommen!

Nach zwei Wochen angenehm ereignisloser Reise ging ich in Port Corrad an Bord. Und wie es Phex Wille ist, fand ich den Aushang von Don Brodinger, der eine Expedition in den Dschungel durchführen wollte, um einen heidnischen Tempel zu plündern. Meine Mittel waren eingeschränkt, die Ausschreibung klang verheißungsvoll, und so traf ich im Glänzenden Papageien zum ersten Mal auf Don Brodinger und die weiteren Teilnehmer der Expedition.

Das Innere der Kaschemme wurde durch rußende Fackeln erhellt, die die eh schon unangenehme Wärme noch verstärkten. Bis auf den Wirt war lediglich eine Handvoll Personen in dem Raum, deren Wunderlichkeit jedoch für eine ganze Kompanie gereicht hätte. Aus tiefliegenden, düsteren Augen blickte ein Halbelf auf mich herab, angetan mit ungewöhnlichen Gewändern. Auch wenn diese nicht die protzigen Symbole der Zauberei aufwiesen, die viele seiner Kollegen so gerne angeberisch präsentieren, ließ ihr Schnitt und der haupthohe Stab keinen anderen Schluss zu als den, dass es sich hier um einen Magier handelte. Neben diesem Baum, so dürr er auch sein mochte, stand als krasses Gegenstück ein Fels von einem Mann. Keine 1,5 Schritt hoch, aber Schultern wie ein Ochse, trotz der Temperatur in ein Kettenhemd gepackt. Das wenige, was von dem Gesicht aus dem buschigen schwarzen Bart herausragte war mit einer grauen Paste beschmiert. Eine mächtige Armbrust und ein Kriegshammer am Gürtel rundete das Bild ab. Der dritte im Bunde schien mit seiner korrekten Kleidung und seinem Pfeifengeschmauche direkt aus einem Al Anfaner Herrenclub gerissen worden zu sein. Wie der Halbelf und der Zwerg wirkte der kräftige Mann mittleren Alters fehl am Platze. Für einen kurzen Moment befiel mich der Verdacht, dass ich vielleicht ebenso wenig ins Bild passte, aber ein Blick in den fleckigen Spiegel hinter dem Tresen erstickte den Gedanken im Keim. Dunkle Augen, mittelgroß, leichtes Grau an den Schläfen im ansonsten schwarzen Haar. Auch meine Kleidung, eine dunkle Hose, hohe Stiefel und ein Gambeson gaben keinerlei Anlass zur Beanstandung, lediglich mein Tuzakmesser, treuer Gefährte seit jenen Ereignissen vor vielen Jahren stach etwas hervor.

Nachdem er seine Pfeife ausgeklopft und sich geräuspert hatte, fing das Clubmitglied zu reden an. „Meine geschätzten Herren, ich bin Don Brodinger und ich vermute stark, dass sie die abenteuerlustigen Gefährten sind, die mich auf meiner Reise in den Urwald begleiten wollen, um großartige Abenteuer zu erleben und sagenhaften Ruhm zu erwerben.“ Seine Stimme samtete wie Honig, doch die geschwungenen Worte perlten an den Anwesenden ab als seien es Regentropfen auf einer Wachsschicht. Anscheinend waren wir alle schon zu oft von derartigen Schönrednern übers Ohr gehauen worden. Anfangs grämt man sich darüber, hadert mit sich selbst, macht sich Vorwürfe, aber irgendwann wird man hart und zäh und zynisch. „Wo genau gehen wir hin, was erwartet uns da und welche Bezahlung gibt es?“ Der Zwerg Grandosch war so gradlinig wie ein Granitblock. Aufmerksam hörten wir unserem potentiellen Auftraggeber zu, der von einem Tempel im Dschungel berichtete, aus dem er vor 15 Jahren eine heidnische Statue nach Mirham gebracht habe und die nun im dortigen Museum stehen würde. In ausschweifenden Worten legte er dar, dass er nun zu dem Tempel zurückkehren wolle, um weitere Kunstgegenstände zu bergen. Als es jedoch um die Gefahren ging, die ihn damals zur Flucht aus dem Tempel veranlasst hatten, wurde er zugeknöpft, wie eine alte brabaker Jungfer. „Die Verfolger habe ich nicht gesehen.“ Nicht einmal die Frage, ob es sich um menschliche oder tierische Gegner gehandelt habe, konnte oder wollte er beantworten. Misstrauisch den zukünftigen Expeditionsleiter beäugend, spuckte der Zwerg aus. „Und was für eine Bezahlung gibt es für dieses nebulöse Abenteuer?“. „Alles, was ihr an Schätzen findet sowie drei Silbertaler pro Tag und Kost und Logis.“ Don Surez, der Magier, ließ eine Augenbraue gen Praios wandern. „Drei Silbertaler? Neun Dukaten im Monat? Selbst das Dreifache wäre kärglich für meine Kompetenz!“. Genüsslich steckte sich Don Brodinger eine weitere Pfeife an und fuhr damit fort, die schwüle Luft weiter zu verpesten. „Und alles, was ihr an Schätzen findet! Ich habe einen Waldelefanten als Transporttier organisiert, auf den genug Gold passt, dass man damit die brabaker Marine kaufen könnte.“ Ich konnte erkennen, wie der Zweifel aus den Mienen der anderen schlagartig verschwand und auch meine Bedenken nahmen sich eine Auszeit. War der feste Lohn auch nicht berauschend, so schien der variable Anteil die Mühe mehr als wert zu sein. Ich setzte einen Vertrag auf, der die Einzelheiten der Bezahlung und des Transports regelte und nachdem wir alle unsere Unterschriften unter das Schriftstück gesetzt hatten, wurde es dem Wirt des Glänzenden Papageien zur Verwahrung gegeben.

Mit großartiger Geste führte uns Don Brodinger danach in den Innenhof, in dem der Elefant mitsamt der Ausrüstung wartete und auch die drei einheimischen Führer die Brodinger engagiert hatte, herumlungerten. Während wir in den Hof traten, spuckte der älteste der Mohas aus und verfluchte uns verdammte Bleichgesichter auf seiner Muttersprache. Ich ließ mir nicht anmerken, dass ich jedes einzelne seiner Worte verstanden hatte und beschloss, es dem ungehobelten Kerl heimzuzahlen. Krachend drückte ich seine Hand und stellte mich mit langsamer und lauter Stimme vor, als würde ich mit einem Kind unterhalten. Der Hass in seinen blutunterlaufenen Augen sprang mir förmlich entgegen, aber er wagte es nicht, sich zu wehren und blickte beiseite. Ein Geruch nach billigem Fusel wehte mir von ihm entgegen und ich konnte den Schweiß auf seiner Stirn erkennen, der nicht von der Temperatur, sondern von einem Mangel an Alkohol stammte. Der tapfere Kutekutak war ein Opfer des Feuerwassers! Ein beinahe ebenso unerfreulicher Anblick war sein jugendlicher Bruder Hudujotukla, der Elefantenführer. Ein mageres Bürschchen, der seine stetig laufende Nase regelmäßig hochzog und es nicht wagte, einem von uns in die Augen zu blicken. Linkisch drückte er sich an dem Elefanten herum und blickte auf seine schmutzigen Füße herab. Ganz im Gegensatz zu diesen beiden Gestalten überstrahlte die dritte Moha alles. Eine aufgeweckte junge Frau, keck und mit genug Kurven, dass es einem schwindelig werden konnte. Ihre braunen Augen sprühten vor Lebenslust und Intelligenz und schon bald hatte sie, als Einzige der Gruppe wirklich des Brabaci mächtig, uns mit Fragen durchlöchert. Ich hatte dieses Verhalten schon öfters gesehen. Wenn Mitglieder wilder Stämme mit der Zivilisation konfrontiert werden, gibt es drei Möglichkeiten. Zum einen können sie überfordert werden von den neuen Möglichkeiten, verwirrt, dass ihre bisherigen Kenntnisse und Fähigkeiten nun kaum mehr gefragt waren und dass Dere aus mehr besteht, als ihrem kleinen Teil des Dschungels. Diese Gruppe von Wilden lebt an den Rändern der zivilisierten Städte, unfähig, zurück zu den Wegen ihrer Vorfahren zu finden und genauso unfähig, sich an das Leben in der Stadt anzupassen. Um ihr trostloses Schicksal zu ertragen, ergeben sich viele dieser armen Teufel dem Alkohol und übernahmen damit die schlechtesten „Segnungen“ der Zivilisation. Eine zweite Gruppe schafft die Rückkehr. Nachdem sie die Stadt und ihre Bewohner kennengelernt haben, gehen sie zurück zu ihrem Stamm mit neuen Geschichten, interessanten Handelsgütern und der unmissverständlichen Botschaft, dass der weiße Mann verrückt sei und man besser im Dschungel bliebe, wie es sich gehörte. Und die dritte Gruppe, die seltenste, ist diejenige, die alles Neue versucht aufzunehmen, die Wissen, Erfahrungen, Erlebnisse aufsaugt wie ein Schwamm und so viel lernen wollte wie möglich. Diese Moha sahen die Möglichkeiten, ihren Horizont zu erweitern, fremde Länder kennenzulernen und schienen von Hesinde, Nandus und Aves gleichermaßen beseelt zu sein. Zu dieser letzten Gruppe gehörte Leritamtamsun, für die die Erkenntnis, dass es mehr gab als den Urwald und die Stämme eine welterschütternde, wunderbare Offenbarung gewesen sein muss. Und wie so üblich führten diese unterschiedlichen Sichtweisen zu schweren Konflikten innerhalb der Familie wie ich bald auf der Reise feststellen sollte.

Nach einer letzten Nacht in einem richtigen Bett für viele Wochen, brachen wir am nächsten Morgen auf und wurden bald von der Vegetation des Urwalds verschluckt. Mühsam folgten wir dem kaum zu erkennenden Trampelpfad, während uns die feuchte Hitze den Schweiß aus den Poren trieb. Staub und Pollen tanzten in den wenigen Sonnenstrahlen, die die grüne Decke durchdringen konnten und das Zirpen der Insekten erfüllte das Halbdunkel. Für einen Moment marschierte ich wieder mit meinen Kameraden, vor mir der hünenhafte Alrik, direkt neben mir Gregorio mit seinen feuerroten Haaren, immer wachsam, immer aufmerksam, immer ein Auge auf die Umgebung und von hinten erklangen die geflüsterten Befehle von Traviane, der einzigartigen Traviane… Ich merkte, wie ich mich selbst in Erinnerungen verlor und rief mich zur Ordnung. Das war vorbei, lange vorbei! Ein anderer Dschungel, eine andere Zeit. Wir waren jetzt hier und es bedurfte all unserer Aufmerksamkeit, um die Expedition heil hinter uns zu bringen.