Geschichten der Wanderhure, Episode 1 – Al’Anfanische Idioten

Ich war also alleine unterwegs, mittlerweile nur noch in den Ausläufern der Steppe, als ich einen riesigen Feuerball nicht weit von mir entfernt bemerkte, der scheinbar aus dem Nichts inmitten eines verlassenen Gehöfts entstand und gerade verpuffte. Näherkommend bemerkte ich Menschen, einige etwas verbrannt, weil sie mitten im Feuer spielen mussten, einige laut schreiend oder gestikulierend und allesamt aufeinander eindreschend mit in der Sonne blinkenden Äxten, Hellebarden und anderen Mordwerkzeugen. Der Fluchtreflex packte mich sogleich und fast hatte ich mich schon entschieden, Aves Wegen zu folgen. – An der Stelle möchte ich nocheinmal betonen, dass ich mich nicht Rondra oder Kor verpflichtet fühle! – Aber ein gewisses Gewissen und meine Gram, ob der unterlassenen Hilfe einige Tage zuvor packten mich am Kragen und ließen mich nicht gehen (Ja, Aves, ich bin nicht gegangen, sondern geblieben. ich machs auch wieder gut, versprochen!). Zu allem Überfluss lag da auch noch ein bewusstloser Diener des Praios, mit den erbärmlichen Resten seiner nunmehr schwarz-grauen anstatt weißen Robe inmiten des Schlachtens und Blutvergießens. Welcher Ketzer würde denn einen Geweihten der zwölf Götter angreifen?
Ich entschied also, diesmal einzugreifen, aber nur ganz vorsichtig und ich versuchte mir einen Überblick über die Lage zu verschaffen. Leider konnte ich in diesem Getümmel und Gewühl aus Fleisch, Stahl und Schreien keinesfalls ausmachen, was da überhaupt vor sich ging. Zum Glück lenkte Aves Vater meinen Blick auf zwei an der Seite stehende Gestalten: Novadi-Abschaum: ein Schütze und… wahrscheinlich ein Magier? Froh die tobende Fleischmühle zu meiden, schlich ich mich an den Magier an. Kurz bevor er seine Magie ein weiteres Mal missbrauchen konnte, schlug ich ihm beherzt meinen Wanderstecken an den Hinterkopf, was ihn seine Konzentration kostete und eine Beule an besagter Stelle bescherte. Lauthals „Du verdammter Novadi- Hund!“ schreiend versuchte ich, ihm weitere Beulen zuzufügen. Er schrie zurück, doch ich war mir sicher, seine Sprache nicht verstehen zu können, oder doch?! Was war das? Er beschimpfte mich als Novadi- Hure? Auf Garethi? Merkwürdig gebildete Wilde sind das… Ich kam ins Grübeln, während ich den Hieb seines Magierstabs geschickt abgleiten ließ. Wenn ich ihn als Novadi beschimpfe und er mich auch, dann sind wir vielleicht beide keine Novadis? In seinem wohl nicht ganz so tumben Gesicht schien sich ebenfalls Erkenntnis breit zu machen. Wir schauten uns in die Augen und ich ließ voller Gottvertrauen meinen Wanderstab sinken. Einige verdutzte Momente später riefen wir den wie wild um sich schlagenden Kämpfern zu, die Waffen zu senken. Durch männliches Gehabe beflügelt, mussten natürlich alle noch einmal irgendwo draufschlagen, sich wild beschimpfen und bespucken, bevor sie allmählich anfingen sich zurückzuziehen, die Waffen aber nicht senkten, sondern sie noch wild brüllend einige Male zeigten und anpriesen.
Ob der schieren Anzahl an Verletzten und der Menge Blut die ich dort fließen sah, denke ich, dass Kor wohl zufrieden gewesen sein muss. Glücklicherweise, Aves Vater sei Dank, bin ich auf dieses Fiasko aufmerksam geworden und konnte, bevor allzu viele Menschen starben, dieses Missverständnis aus der Welt schaffen.
Wie sich durch ein Gespräch in großer Runde herausstellte, wurde der Konflikt begonnen durch eine Gruppe Soldaten aus Al’Anfa, geführt von einem Kampfmagier, die das Al’Anfanische Grenzgebiet gegen Novadi- Eindringlinge schützen wollten. Also reine Routinearbeite, wie der Magier sagte, mal eben eine Gruppe Wanderer erst zu rösten und dann zerhacken zu lassen. Anscheinend ist ihm Priaos nur ein wager Begriff und überhaupt hat er doch eher Peraines Gaben (namentlich Stroh) als Hesindes Gaben im Kopf. Er wollte nicht einmal die schwerst Verwundeten der Wandergruppe mit seiner Magie heilen, so dass es an diesem Tag auch eine Tote zu beklagen gab.
Wem hatte ich eigentlich gerade durch meine mutige und geistesgegenwärtige Tat die Leben gerettet? Einem großen starken Krieger, einem Soldaten, einem Geweihten des Praios und einer Hand voll Träger. Die Jägerin der Gruppe ist leider verstorben und der Praiot schien kurz davor in Borons Hallen einzukehren. Der Krieger heißt Gero Ilgur, bedient ein riesiges, klobiges Schwert und scheint direkt und offen zu sein. Emilio di Rossi ist der Name des Soldaten, der mit einer Art Knüppel aus Stahl um sich schlagen kann. Er scheint etwas vorlaut, aber offensichtlich achtet er die Zwölfe.
In einem ausgiebigen Gespräch, die Al’Anfaner hatten sich zwischenzeitlich getrollt, erklärten mir die beiden Kämpfer, dass sie auf dem Weg seien, einem Hesindegeweihten mit dem Namen Borgad zu helfen, der jüngst zu viel mit Löwen gespielt hatte – wunderte mich nicht, dass die Löwen in dieser Gegend auch ihm Probleme bereiten würden. Bruder Borgad hatte sich wohl dereinst vor 20 Jahren zum Ziel gesetzt, ein Eingeborenendorf zum Glauben zu führen und hatte jüngst per göttlicher Verständigung seinen Heimattempel in Kuslik um Hilfe gebeten.
Etwas ratlos dreinblickend ob des Verlustes ihrer Ortskundigen und ob des Ausfalls ihres moralischen, weltlichen und wohl auch geistigen Führers fragten mich die beiden Kämpfer, ob ich sie nicht führen wollte. Ich fühlte mich zwar noch nie zum Führer geboren, aber eine Expedition anzuleiten die nach einem verschollenen Diener der Zwölfe suchte, dabei unerkundetes Land zu durchqueren und fremde Völker zu studieren ist natürlich ganz im Sinne von Aves, so stimmte ich zu und übernahm, wenn auch nur für eine kurze Zeit, die Führung der Expedition.
Aves, mein Weggefährte, danke dass du mich zur richtigen Stunde zum richtigen Ort geführt hast, so dass ich Gläubige schützen konnte.
Advertisements

Geschichten der Wanderhure, Episode 0 – die Fleischbestien

Eine schöne Expedition sollte es werden. Aus der ehemaligen Heimat in den unerforschten Norden. Die Steppen des Horasreiches und die Gebirge, gemeinhin auch bekannt als Eternen, sollten nicht länger ein weißer Fleck auf der Landkarte bleiben, sondern festgehalten werden. Außerdem, so hörte ich, gibt es Eingeborenenstämme und fremdartige Tiere zu sehen. Alles in Allem, eine Reise die sich lohnen würde.
Die sieben Sachen gepackt und los geht es an einem sommerlichen Morgen. Mit mir die üblichen Verdächtigen die so eine Expedition braucht: ein schrulliger Kartograph, ein hübscher Wildniskundiger, ich als Universalexpertin für Geographie, fremde Völker und Göttlichen Beistand, ein Dutzend Träger und was da noch alles dabei sein muss.
Die Reise verlief die erste Woche erstaunlich langweilig. Keine Tiere, keine fremden Menschen, nur die wunderbare Steppe – die mich schon nach 2 Tagen etwas langweilte. Der Weg ist das Ziel, aber wenn der Weg so ereignislos ist…
Als dann aber eine Meute Löwen und Tiger dachte, dass wir als Mitternachtsmahl vorzüglich taugen, wurde es mir ganz schnell zu wild. Überall wurde geschrieen, Blut spritzte, Knochen knackten, Löwen (und Tiger) rülpsten und schlugen sich die Bäuche voll. Mein erstes echtes, leibhaftiges Blutbad. Das hatte ich mir anders vorgestellt. Insbesondere, dass es nie dazu kommen würde.
Zum Glück wusste Aves einen Weg hinaus. Am dritten Grasbüschel links, unter dem anspringenden Löwen wegtauchen, kurz verharren im Schatten des Zeltes und dann ab durch die Mitte. Es tut mir Leid, dass ich nichts weiter tun konnte, um meine Begleiter zu retten, aber ich diene schließlich Aves und nicht Ronda, Kor oder Firun. Was konnte schon von mir erwartet werden?
Ich muss sicherlich nicht erwähnen, dass die nächsten Tage alleine in der Steppe grauenhaft waren. Keine Reisegruppe um die Reiseerfahrung zu teilen, jede Nacht kaum Schlaf aus Angst vor weiteren Fleischbestien, im Schlaf nur grauenhafte Alpträume von Schreien, Blut und Knochen.