Südmeerkampagne 30. und 31. Kapitel – Die Sieben Tage von Chorhop Teil II

Ort der Handlung: Bizarro-Chorhop
3.-5. Rahja
Endlich war es soweit, das größte gesellschaftliche Ereignis der Stadt Chorhop: Das Fest des Schutzprätors und alle, alle waren gekommen. Bis auf die Armen und Hässlichen, die wurden natürlich nicht reingelassen, aber die Creme de la Creme der Stadt hatte sich in der Prätorenvilla eingefunden, um das Pferderennen, die köstlichen Speisen, die auserlesenen Getränke und die geistreichen Gespräche zu geniessen. Und bärenstark fing die Feier an. Nach einer ebenso rührenden wie humorvollen Willkommensrede Kasims machten platzierten sich die Gäste auf der Tribüne und fieberten dem ersten Rennen entgegen. Hier gab sich Kasim persönlich die Ehre und trat auf seinem dreibeinigen Maulesel an. Wider Erwarten waren die unauffällig im Publikum platzierten Armbrustschützen jedoch gar nicht nötig, denn ohne viele Mühe trug das sogenannte Pferd seinen Besitzer mit einem ordentlichen Vorsprung über die Ziellinie. Erstaunt betrachtete der Schutzprätor sein Ross erneut und erkannte nun im besseren Licht der Mittagssonne, dass es sich hierbei wohl doch um ein reinrassiges Shadifpferd handelte und nicht, wie vorher vermutet, um den nächsten Auftrag des Abdeckers. Riesig war der Jubel auf den Rängen, noch riesiger der Jubel des Vogtvikars, der einen ansehnlichen Batzen Dukaten gemacht hatte, da er auf den kompletten Aussenseiter Kasim gesetzt hatte. Nach diesem schweisstreibenden und aufregenden Rennen begaben sich die Gäste erneut in die Villa, um vor dem nächsten Rennen eine kleine Erfrischung zu sich zu nehmen. Eine vollkommene Feier also. Die kleinen Unstimmigkeiten, die darauf folgten, sind eigentlich gar nicht der Rede wert, denn was ist schon perfekt? Um der Chronistenpflicht nachzukommen sollen sie hier dennoch aufgeführt werden, auch wenn sie nicht den Hauch eines Schatten auf die Großartigkeit dieses Festes werfen können.

Während sich der Schutzprätor mit wohlgewählten Worten an sein Publikum wandte und die Eröffnung des prachtvollen Buffets einleitete, wurden Yuan, Nostromo und Myrmidion von einer Wache mit dem geheimen Kennwort „SPEEEEEER!“ gerufen. Wie die aufgelöste Wache berichtete, war ein aufgebrachter Trupp Bettler auf der Suche nach einem kleingewachsenen Halunken, der zwei der Ihren vergiftet hatte. Kalt wie Eis befahl Yuan dem Zyklopäer, sich rasch zu verstecken und rannte dann mit Nostromo im Kielwasser vor das Haus, wo sich bereits etwa 30 Bettler in der Verkleidung „Wütender Mob“ inklusive Knüppeln und Steinen versammelt hatte. Da dies nicht im Geringsten zum Thema der Feier „1001 Nacht“ passte, wurde den wilden Gesellen natürlich der Eintritt verwehrt, was diese beinahe über die Schwelle zum „Tobsüchtigen Mob“ brachte. Diplomatisch machte sich Yuan daran, die Rüpel zu vertreiben und stürzte sich, als durch tieffliegende Pflastersteine die Fenster der Villa zu Bruch gingen, in das Getümmel. Die Handvoll Wachen und Nostromo hingegen bildeten eine menschliche Mauer, um das Eigentum des Prätors zu schützen. Yuans Plan ging vollkommen auf und innerhalb von wenigen Sekunden lag der in ein ehemals prächtiges Pfauenkostüm gekleidete ehemalige Prätor im Dreck der Straße und freundete sich mit Staub und Kot an. Von diesem Erfolg ermutigt trat ein vorwitziger Rädelsführer näher an die Wachen heran und forderte krakeelend die Herausgabe des Verantwortlichen für den Tod zweier ihrer Kameraden. Nun war das Maß jedoch voll. Scheiben einwerfen, schön und gut. Yuan vermöbeln, meinetwegen, aber große Töne spucken und auch noch Myrmidion lynchen wollen, das schlug dem Fass den Boden aus. Mit bedrohlichem Blick zog die Wache und Nostromo blank und rückte entschlossen gegen das Großmaul vor, der plötzlich merkte, dass sein Knüppelchen wohl eher als Feuerholz denn als ernsthafte Waffe taugte und rasch verteilte sich die Bande in alle Winde. Beherzt schlenderten die Gardisten hinterher, bedacht, es nicht doch noch zu einer Konfrontation kommen zu lassen und kassierte zwei der Bettler, die aufgrund akuter Lahmheit bzw. Einbeinigkeit nicht schnell genug weglaufen konnten, ein. Danach wurde der schmutzige Pfau ins Innere des Hauses gebracht und mit Hilfe eines starken Schnaps aufgeweckt.

Yuan kam gerade rechtzeitig zu sich, um mitzubekommen, wie Kasim das Buffet eröffnete und den ersten Löffel Wachteleischaumspeise verdrückte. Kurz darauf trat ein erstaunlicher Farbwechsel auf. Während das sonnengebräunte Gesicht des Schutzprätors schlagartig weiß wurde, kam es bei seiner Hose zum genau gegenteiligen Effekt. Noch bevor die restlichen Gäste, sowieso schon wütend über den Angriff der Bettler, diese erstaunliche Darbietung goutieren konnten, sprang erst Yuan in die Bresche und dann Kasim auf den Abort. Mit erstaunlichem Geschick überzeugte er die hohen Herrschaften davon, dass das Essen wohl doch nicht gegessen werden könne, da es nicht dem Thema der Feier entspräche. Ein solcher Stilbruch sei nicht hinzunehmen, novadisch-tulamidische Küche würde aber bald nachgeliefert werden. In der Zwischenzeit hatte Nostromo den völlig aufgelösten Fetenorganisator etwas Verstand in den Leib geschüttelt und ihn beauftragt, beim nächsten novadischen Restaurant Essen zu holen. Die Lage schien sich zu beruhigen, doch als sich Yuan auf die Suche nach dem Gastgeber machte und dieser ohnmächtig mit heruntergelassener Hose auf dem stillen Örtchen gefunden wurde, in einer Wolke miasmatischen Gestankes geradezu badend, verabschiedeten sich die Gäste unter fadenscheinigsten Gründen rasch und innerhalb kürzester Zeit war die Feier so tot wie die beiden Vorkosterbettler. „Die Spiele müssen weitergehen, das sind wir der Idee des Festes schuldig!“, stellte Yuan ganz richtig fest und so wurden die restlichen Rennen, wenn auch mit geringerer Besetzung, noch rasch abgehandelt. Der Gewinner des Freilos war daher auch so unwichtig wie unbekannt. Trotzdem bekam er seinen Preis mit allem Nostromo zur Verfügung stehenden Enthusiasmus überreicht („Euer Gewinn, hier!“), bevor die Feier beendet wurde. Wie erwähnt waren es also nur kleine Steinchen, ja Sandkörnchen im ansonsten perfekt ablaufenden Uhrwerk des Festes. Eines Festes, von dem man sicherlich in vielen Jahren auch noch sprechen würde.

Nachdem das Geraffel endlich die Biege gemacht hatte, konnte man endlich daran gehen, die mysteriösen Vorgänge zu untersuchen. Ein Medicus war bald eingetroffen und konstatierte eine Vergiftung durch eitrigen Krötenschemel bei Kasim, einem extrem schwierig herzustellenden Gift. Die gute Nachricht war jedoch, dass es in der Regel zwar extrem unangenehm, selten jedoch tödlich wirkte. Sofort wurden die Würfelspiele Yuans und Nostromos um die Nachfolge des Schutzprätors unterbrochen und man machte sich auf, den Vergifter zu suchen. Bei einem derart seltenen Gift würde es sicherlich wenige Verkäufer geben, so dass sich der Übeltäter sicherlich bald würde finden lassen. Vor einer Befragung der Alchemisten der Stadt musste jedoch zuerst Myrmidion gefunden werden, was sich als schwerer herausstellte, als gedacht. Dieser war nämlich in seinem Versteck aus Langeweile eingeschlafen und tauchte für geraume Zeit nicht mehr auf. Erst nach einer Stunde stand er plötzlich neben den Suchenden und bot seine Hilfe an, das Gesuchte zu finden. Mittlerweile hatte man jedoch genug von den Kaspereien und flitzte zum Alchemistengrolm, der für einige Dukaten schnell auch das erste, tödliche Gift identifiziert hatte. Dieses, Kukris, war ein extrem teures, aber in der Gegend nicht ganz so seltenes Gift aus einer Seidenliane. Eitriger Krötenschemel stellte sich als ein Gift heraus, das jeder Alchemistenlehrlingsgehilfenbruder aus dem überall wachsenden Krötenschemel brauen konnte. Lieder verliefen die Versuche, erst an den Ver-, dann an den Käufer zu kommen, im Sande. Dafür fand man jedoch nach weiterem Suchen die Ursache der Vergiftung: Das Basilikum des Kochs a.D. enthielt nicht nur das namensgebende Gewürz, sondern auch noch die aufregende Substanz K wie Kukris. Da würde sich doch etwas ergeben, schlussfolgerte man schlau und ging dann ins Bett.

Der nächste Morgen stand ganz im Zeichen der Wäsche. Zum Einen musste das Haus gereinigt werden, um die Feierspuren zu beseitigen, zum Anderen Kasim jede Viertelstunde und zuletzt war eine ausgiebige Kopfwäsche Myrmidions von Nöten. Auch wenn sich Yuan und Nostromo alle Mühe gaben, ihm klarzumachen, was er getan hatte, nämlich aus einer Laune heraus zwei Menschen vergiftet, war nicht ersichtlich, dass irgendetwas davon in den Kopf des sprunghaften Matrosen drang. Yuan entschied daher, ihn zum Efferdtempel zu bringen, wo er seine Missetat den Geweihten beichten und um eine angemessene Strafte bitten sollte. Dies tat er auch auf die umständlich möglichste Art und Weise und rückte mit der Wahrheit nur recht zögerlich heraus, was Bruder Efferdan zu Entsetzen und Bruder Efferdin zu einem Zornesausbruch brachte. Ein eingeschüchterter Myrmidion wurde daher angewiesen, in einigen Tagen zusammen mit seinem Herrn, Yuan, im Tempel einzutreffen und dort die von Efferd in einer Vision offenbarte Bestrafung zu empfangen.

Währenddessen hatten die Wächter des Friedens eine heiße Spur aufgenommen, waren über den Gewürzlieferanten des Kochs zu einem Boten des Gewürzlieferanten gelangt und hatten durch dessen Aussage, er habe Geld bekommen, um das Basilikum mit einem grünleuchtenden, ätzend riechenden und an den Fingern brennenden Pulver zu mischen (Aber ich wusste doch nicht, dass das was Schlimmes sein könnte!) an die Beschreibung des Auftraggebers gelangt. Ein bärtiger, älterer Novadi, den er auch schon im Viertel gesehen hatte. Gerade wollte man den Schutzprätor verhaften, da ging es den beiden auf, dass diese Beschreibung auf gefühlt 25 Prozent aller in der Stadt beheimateten Novadis zutrifft. Yuan und Nostromo wollten gerade damit anfangen, den nutzlosen Botenjungen durch eindringlichere Befragung davon überzeugen, verwertbarere Informationen auszuspucken, da fiel dem Trottel noch ein, dass dieser Auftraggeber oft mit dem Handelsprätor duch das Viertel laufen würde. Einen Moment war das Befragungsteam ratlos. Handelsprätor? Gab es so etwas überhaupt oder wollte der Bengel nur seine Haut retten? Davon hätte man doch bestimmt gehört, wenn es so einen Prätor geben würde. Netter Versuch, aber keine Punkte! Glücklicherweise waren die Charaktere aber mit einem besseren Erinnerungsvermögen ausgestattet, als die Spieler und so fiel ihnen auf einmal ein, dass es diesen Posten tatsächlich gab und man die Person dahinter sogar schon kennengelernt hatte. Der Handelsprätor war niemand anderes, als der Hairan Tabaluga! Und wie es der Zufall wollte, war dessen Feier an genau diesem Abend! Den Zwölfen sei Dank war Kasim mittlerweile wieder auf den Beinen und so wurde ein Plan geschmiedet, den Vergifter am Abend zu enttarnen und zu verhaften. Leider stellte sich jedoch heraus, dass vor dem Palast des Handelsprätors nicht die üblichen desinteressierten und inkompetenten Stadtwachen, sondern 20 gutausgerüstete novadische Panzerreiter standen, die niemanden mit einer Waffe länger als ein Zahnstocher auf die Feier lassen wollten. Der Truppe schwante Böses! Die Mächtigen der Stadt, unbewaffnet im festungsartigen Palast des Vorgesetzten des mutmaßlichen Vergifters, der auch noch just an diesem Tag ein Kontingent Reiter in die Stadt hatte kommen lassen? Natürlich, Zufälle gibt es immer wieder, aber lieber einmal zu vorsichtig, als einmal tot. Entsprechend nahmen nur Kasim und Myrmidion an der Feier teil, während Yuan und Nostromo die Stadtwache herbeizitierten und auf dem Platz vor dem Palast herumlungern ließ. Beim ersten Anzeichen eines Putsches würde diese hervorragend ausgebild… hervorragend ausgerüstet… hervorragend motiviert…… diese… Truppe! sich auf die Panzerreiter stürzen und die hohen Herrschaften retten. Im Verbund mit den Matrosen vom Schiff Kasims und Xanteros würden die Angreifer so wenigstens das Überraschungsmoment auf seiner Seite haben. Zumindest war dies der Plan, der in der Hoffnung gemacht wurde, dass nie die Notwendigkeit bestehen würde, ihn auch durchzuführen.

Im Inneren hatte Myrmidion bald Freundschaft mit vielen Novadis geschlossen und herausgefunden, dass der mutmaßliche Auftraggeber der Mawdli des Handelsprätors war. Kasim konfrontierte die beiden mit dem Verdacht und nach einigem Taktieren gab der novadische Rechtsgelehrte zu, dass er das Essen während der Feier des Schutzprätors mit Krötenschemel vergiftet habe. Kukris wurde dabei gar nicht erst aufs Tapet gebracht und sein Motiv, er habe damit zeigen wollen, dass das unnovadische Gericht, das er vergiftet hatte, von Rastullah verflucht sei, war so durchsichtig wie das Haupthaar Nostromos. Der Mawdli wurde daraufhin von Kasim und Myrmidion in die Kaserne gebracht, während der Rest der Wache inklusive Yuan und Nostromo in einer nahegelegenen Schenke das Bier fließen ließ. Schnell hatten sich die beiden Thorwaler aus der Mannschaft von Kasim mit Einheimischen angelegt und innerhalb weniger Minuten waren sämtliche Gäste der Kneipe in eine zünftige Schlägerei verwickelt. Soweit so gut, doch dann ließ sich einer der bösartigen Gäste dazu herab, den Einsatz zu erhöhen und schmetterte einen mit metallenen Nieten versehenen Bierkrug auf den Kopf von Nostromo, der daraufhin seine Axt zog und dem nun plötzlich kleinlaut Fliehenden hinterhersetzte. Kurz darauf floh die halbe Belegschaft (sämtliche Einheimische), darunter bedauerlicherweise auch der hinterhältige Krugschläger und die siegreichen Gardisten verhafteten jeden, der zu ohnmächtig war, um abhauen zu können. Im Siegeszug brachte man die Gefangenen ebenfalls in die Kaserne und sperrte sie in den Käfig neben den Mawdli mit der dringlichen Bitte, diesen in Ruhe zu lassen.

Während dieser ganzen Angelegenheit hatte Kasim mehr Informationen aus dem Mawdli herausbekommen und den wahren Hintergrund herausfinden können. Auch dieser Novadi gehörte zum Bund der goldenen Morgenröte (osä) und wollte die Stadt Chorhop zu einem Kalifat machen. Sein Plan war gewesen, den Vogtvikar, der unter allen Prätorenfeiern nur diese besuchen würde, zu vergiften. Ohne dieses Stadtoberhaupt wäre es ein Leichtes gewesen, einen Kalifen einzusetzen und die Macht an sich zu reissen. Ob Kasim, als Novadibruder, nicht vielleicht auch dem Bund beitreten wolle?, zwinkerte der fiese Alte dem Schutzprätor zu. Dieser blieb jedoch diplomatisch, lehnte weder ab noch sagte er zu und verfrachtete den Attentäter in die Zelle.

Mit vollem Kerker ging der Tag zu Ende und erschöpft fielen die tapferen Wächter der Stadt in ihre Betten, wohlwissend, dass der nächste Morgen viele Gespräche und Pläne bringen würde. Wie sollte man mit der Situation umgehen? Wer war noch Mitglied in diesem ominösen Bund? Sollte man ihn infiltrieren? Musste der Vogtvikar davon in Kenntnis gesetzt werden? Fragen über Fragen, die sich erst am nächsten Tag würden beantworten lassen.

Doch bevor man sich mit diesen Problemen befassen konnte, stand noch vor dem Frühstück ein debiler Bote auf der Matte und quakte herum, dass sich der Prätor umgehendst um das Verschwinden des Gladiators Alrik kümmern müsse der, im Finale der alljährlichen Gladiatiorenspiele stehend, seit einem Tag verschwunden war. Den Zwölfen sei Dank, dass derartig wichtige Aufgaben vom Prätor persönlich übernommen werden mussten. Nicht auszudenken, wo die Stadt hinkäme, wenn ausgewachsene, muskulöse, kampferprobte und mutige Männer einfach mal einen Tag verschwänden! Ein Fall für das schnelle Einsatzkommando der Stadtwache.

Pro:
– Die Kerker sind voll
– Die Wache musste erneut nicht kämpfen und konnte somit auch nicht aufgerieben werden

Contra:
– Die Verschwörung ist nicht aufgedeckt
– Die Feier war ziemlich scheisse
– Myrmidion sollte nicht alleine in dunklen Gassen rumschwirren

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Südmeerkampagne 28. und 29. Kapitel – Die Sieben Tage von Chorhop Teil I

Ort der Handlung: Bizarro-Chorhop
2-3. Rahja
Nachdem die Formalitäten zwischen den doppelten Schutzprätorlottchen geklärt waren, stand nun ernsthaftes Geldscheffeln auf der Tagesordnung. Doch ehe auch nur ein einzelner roter Kreuzer verdient werden konnte, überzeugte uns der Haussekretär Praiopiro erneut von seiner Loyalität, Voraussicht und Planungskompetenz. „Achso, wegen dieser Chorhopkarnevalsgeschichte. Da muss jeder Prätor auch eine dicke Sause organisieren. Eure ist übermorgen dran und ich nehme ab genau jetzt meinen restlichen Jahresurlaub. Machts gut die Herren!“ Bevor sich der wieselige Sekretarius jedoch aus dem Staub machen konnte, hatte der neue Schutzprätor Kasim bereits die magischen Worte „Urlaubssperre auf unbestimmte Zeit!“ ausgesprochen und so musste Praiopiro sich nun ebenfalls an der leicht hektischen Organisation des Schutzprätorenfestes beteiligen. Innerhalb von nur wenigen Stunden (es können höchstens 8 oder 10 gewesen sein) hatten Kasim und Xantero das Konzept einer „Tausendundeine Nacht Feier“ mit integriertem Pferderennen durch die Straßen der Stadt ausgefeilt, sehr zur Unfreude von Myrmidion und Nostromo, deren Plan „Nackte Frauen“ trotz permanenten Aufs-Tapet-bringens“ berechtigterweise ignoriert wurde. In aller Eile wurde eine Tribüne in Auftrag gegeben die den eh überflüssigen Zierblumenbereich mit seinen aus ganz Aventurien zusammengetragenen einzigartigen Lippenblütlern im Garten des Schutzprätors ersetzen würde und deren Fertigstellung, nach Aussage der Bauarbeiterfirma „Pistor und Gerrarius – Schweinetröge aller Art“, auf gar keinen Fall länger als allerhöchstens, also bestimmt nicht mehr als… wird schon gutgehen! dauern würde. Als Preis für das großartige Rennen wurde ein Freilos für die nächstjährige Prätorenlotterie ausgelobt. Danach erinnerte man sich daran, dass man ein solches Los gar nicht besaß und machte sich daher auf, dem Vogtvikar Zeforika ein solches aus den Rippen zu leiern. Mit höchster Freude erfuhr der oberste Phexgeweihte der Stadt von diesem vorzüglichen Plan und händigte der Gruppe auf der Stelle das Los aus. Dachte man zuerst, doch das überreichte Blatt war dann doch eher ein extrem vertrackter Vertrag, mit dem dem Vogtvikar die Erlaubnis gegeben wurde, den Wettbetrieb für das Pferderennen zu betreiben sowie die Zusicherung von Kasim, ihm einen Gefallen zu erweisen. Erst danach wurde der zukünftige Preis in Empfang genommen und die Laube war beinahe rund.

Auf Anraten Zeforikas stellte Kasim für die weitere Organisation den drittbesten Festivitätenplaner der Stadt ein, einen horasischen Pinkel, wie er im Buche steht und dieser machte sich rasch auf, die Speisereihenfolge, Getränkeauswahl, Kurtisanen und Kurtisaneriche sowie neue Vorhänge für den Prätorenpalast zu besorgen. In der Zwischenzeit hatte man sich mit dem Würfelmeister geeinigt, diesem gegen lediglich ein Drittel der Einnahmen (im Gegensatz zum geforderten unverschämt hohen Viertel!) den Wettbetrieb für das Pferderennen zu überlassen. Wem es vorkommt, dass sich das ähnlich anhört, wie das Geschäft mit dem Vogtvikar, hat Recht. Aber Konkurrenz belebt ja das Geschäft und Herr Zeforika ist weit über die Grenzen Chorhops hinaus bekannt dafür, einen verschmitzten Sinn für Humor zu haben. Zumindest hoffte man das. Um weiteres Geld zu verdienen, wurden noch Eintrittskarten für die Tribüne sowie Startplätze für das Rennen verkauft und siehe da: die Silbertaler rollten eifrig in das Beutelchen des Schutzprätors hinein! Damit es den kleinen Schlingeln nicht so eng wurde im engen Ledergefängnis, ließ Kasim im gleichen Maße Dukaten herausrollen, um Tribüne, Organisator, Essen, Vorhänge, Getränke, Kloreinigung, Flugblätter und weiß der Scheitan was noch zu bezahlen. Bisher sah die ganze Geschichte nach einem argen Verlustgeschäft aus!

Doch auf den Haufen Ärgernis setzte die Kriegsprätorin das stinkende Krönchen auf. Kackendreist verlangte sie die Bereitstellung von 30 Mann der Garde, um den zu erwartenden Strom der Besucher an den Toren der Stadt auch hinreichend kontrollieren zu können. Dies biss sich ein wenig mit der Idee, 20 Mann der Wache an der Rennstrecke abzustellen, um zu verhindern, dass Klein-Alrik unter den trommelnden Hufen der Reiter zu einem blutigen Matsch zerrieben werden würde. Trotz höchster Beredsamkeit „Das dürft ihr nicht. Die geben wir euch nicht. Das ist bestimmt verboten. Päpäpäpäpäää!“ war genau das nicht nur nicht verboten, sondern sogar ausdrücklich erlaubt und somit unabwendbar. Triumphierend wedelte die Kriegsprätorin mit dem entsprechenden Absatz der Chorhoper Verfassung vor der Nase Kasims herum und machte sich danach mit stolzgeschwellter Brust von dannen. Angesichts der arg knappen Personaldecke wurden daher kurzerhand irgendwelche Yareks und Alwines aus den Kneipen geholt und kurzzeitig in die Wache aufgenommen, um das Gardistenloch zu füllen. Obwohl wirklich jeder genommen wurde, der zumindest grob in eine befohlene Richtung gehen konnte, reichte es jedoch immer noch nicht. Verzweiflung machte sich breit, dann Trotz doch in dem Moment kam die Rettung in Form des Sekretärs der Schutzprätorin, der für die popelige Summe von 200 Dukaten 20 der Gardisten an uns zurückführen würde. Ein ausgezeichnetes Geschäft, das von Xantero durchgeführt wurde. Noch ausgezeichneter war, dass man diese Art von Bestechung sicherlich gegen die Schutzprätorin würde wenden können… Ein entsprechender Plan wurde kurz skizziert und für spätere Verwendung in Ablage 2 des Schutzprätorenschreibtischs abgelegt. Dieser hatte in der Zwischenzeit seine 12 Matrosen als Streckenposten eingeteilt, so dass mithin alles in trockenen Tüchern war. Der Kopf schwirrte der Orgagruppe hinreichend, als gegen Abend sämtliche Vorbereitungen abgeschlossen waren und so war man nur allzu froh, dass an diesem Abend zur Zerstreuung das Fest im Palazzo des Würfelprätors stattfinden würde. Für das lächerliche Sümmchen von 150 Dukaten hatte sich Yuan ein Kostüm als der edelste aller Vögel gekauft und stolzierte nun als prächtiger Pfau auf das Kostümfest. Stilsicher und immer am Nerv der Zeit hatten sich Myrmidion und Nostromo als Seemänner verkleidet (was den großen Vorteil hatte, dass sie einfach ihre übliche Kleidung anbehalten konnten), während Kasim und Xantero mit ihren Kostümen als Novadi bzw. Gladiator höchste Achtung bei den anderen Gästen erfuhren. Der große Trom, Würfelprätor und also Gastgeber in einer Person drückte jedem seiner geladenen Gäste fünf sogenannte Jetons im Gesamtwert von 50 Dukaten in die Hand und entließ die Gruppe dann in den Trubel seiner Feier. Und was wurde dort geboten! Kartenspiele, Würfelspiele, Glücksspiele, Roulette, ja, in einem abgelegenen Séparée wurde gar das im restlichen Aventurien aufgrund zu großer Sinnesfreude verbotene „Spitz pass auf!“ ausgelassen zelebriert. Bei den Zwölfen, die Originalität des Würfelprätors kannte keine Beschränkung, Glücksspiele! In Chorhop! Das gab es sonst nur an den restlichen 364 Tagen des Jahres! Vollkommen fassungslos ob dieser Genialität vermehrfachte Diego innerhalb kürzester Zeit seinen Einsatz, während Yuan beim Kartenspiel die unglaubliche Summe von 6 Dukaten gewann! Myrmidion hatte hingegen sein Auge auf die Hostessen geworfen und ließ seinen zyklopäischen Charme spielen. „Na! Wie siehts aus, hääää?“ Nach langem Herumgezwinker und eindeutigen Handbewegungen fiel bei den Damen endlich der Groschen und um eine seiner 5 Jetons erleichtert machte sich Myrmidion mit einer der Damen ins Hinterzimmer auf, nicht jedoch bevor er seine restlichen Jetons seinem aktuellen Besitzer in die Hand drückte. Rasch hatte auch Nostromo seine Chips an 5 Damen verteilt und verschwand ebenfalls im ruhigeren Teil des Gebäudes.

In der Zwischenzeit kam Kapitän Yuan der hervorragende Gedanke, dass sich so eine Feier ganz famos zum Netzwerken eignen würde und scharwenzelte so in den Raucherraum im oberen Stockwerk um dort Phyllis, Besitzerin eines gutgehenden Pfandhaus, anzubaggern. Hier bewies sich die geballte Macht des Pfaus als hilfreich, denn trotzdem er regelmäßig würgend abhustete, konnte er ein kleines Geschäft mit der Dame machen, die ein Problem mit einigen Besitzern verschiedener Pfandgegenstände hatte. Unter Führung des zwielichtigen Maraskaners, den Yuan in Normalo-Chorhop als Hauptmann der Wache eingestellt hatte, würde sich eine Gruppe schlagkräftiger Gesellen um dieses Problem kümmern. Langsam plätscherte der Abend aus, und vollkommen erschöpft wankte die Gesellschaft heim.

Am nächsten Tag fiel dann auf, dass dies der große Tag der Schutzprätorensause sein würde, aber trotz eines großen Schlaf- und Eiweißmangels würde man sein bestes geben, dieses Fest unvergesslich zu machen! Glücklicherweise stand die Tribüne bereits und machte auch den Eindruck, dass sie nicht umfallen würde. Jedenfalls, solange sich ihr niemand näherte, aber das war ja schon gut genug. Die positiven Nachrichten endeten jedoch bereits hier, als ein lautes Gekreische aus der Küche klang. Rasch stürzte man herbei und sah eine Küchenhilfe, die laut das Ableben des Kochs beklagte. Dieser lag, mit Schaum vor dem Mund, vor den aufgetischten Gerichten und rührte sich nicht mehr. Ruhiges Zureden ergab, dass der Herr Koch a.D. gerade einen letzten Geschmackstest seiner Kreationen machen wollte, nach dem 6. Gericht jedoch mit ebendiesem Schaum vorm Gesicht zusammengesackt war. Gift! Doch welche Speise war es, die vergiftet worden war? Und wie sollte man das herausfinden? Konfusion herrschte in der Küche und Myrmidion tat, was er immer tat: Das Erstbeste! Schnell hatte er 6 Bettler aufgetrieben und ließ jeden von ihnen eines der ersten sechs Gerichte probieren bevor er sie wieder fortschickte. Dann fiel ihm ein, dass das Gift eventuell nicht so rasch wirkte und er rannte auf die Straße, um die Bettler wiederzufinden, was ihm jedoch nur teilweise gelang. Zum Glück war unter denen die er fand auch der Vergiftete, der in der Nähe am Straßenrand lag und ebenfalls Schaum vor dem Mund hatte. Myrmidion zog ihn ein wenig weiter ins Gebüsch und verkündetet danach freudenstrahlend in die fassungslosen Gesichter der Gruppe, dass wohl die Hühnersuppe, Gericht Nummer zwei, unbekömmlich sei. Noch etwas konfus überprüfte Nostromo die These mit zwei Straßenkötern, die ebenfalls an der Suppe verröchelten. Der Festivitätenplaner ließ allerdings dann doch sämtliche Gerichte wegwerfen (bis auf die Hühnersuppe, die von Nostromo für eine eventuelle spätere Verwendung schön in Tupperware verpackt wurde) und peitschte die Küchenhilfen an, neues Essen für die Feier herzustellen. Dieses würde zwar weniger raffiniert ausfallen, aber lieber nur 5 Nachspeisen, als 5 Nachrufe verfassen zu müssen.

Pro:
– Der Giftanschlag wurde rechtzeitig entdeckt

Contra:
– Ausser Spesen bisher nichts gewesen

Südmeerkampagne 27. Kapitel – Verkehrte Welt

Ort der Handlung: Bizarro-Chorhop
1. Rahja
Kaum hatte man sich mit dem guten Gefühl, einen Haufen Geld verdient zu haben in die weichen Betten gelegt, wurde die Gruppe auch bereits wieder abrupt geweckt. Ein niederhöllisches Unwetter ging über der Stadt und dem Umland nieder und riss die Einwohner aus Borons Armen. Verwirrt schauten sich Yuan und Nostromo die Wetterkapriolen an und waren vollends verblüfft, als sie purpurne Blitze über das Firmament zucken sahen. Das wirkte nicht wie das Wald- und Wiesengewitter, das sich sonst in der Gegend herumtrieb, nein, dieses besass eindeutig eine überderische Qualität! Rasch wurde Praiopiri herbeizitiert, um zu erfahren, was es mit diesem Wetterphänomen auf sich hatte, doch der Sekretär des Schutzprätors erkannte schien seinen eigenen Herren nicht mehr zu erkennen und redete wirres Zeug. Mit strammem Schritt begab man sich daraufhin zur Wache und erreichte diese innerhalb eines Blitzschlages. Verwundert inspizierte der Schutzprätor die Wache, wo eine ihm völlig unbekannte Hauptfrau das Regiment führte. Die gut in hochprozentigen Getränken eingelegte Soldatin erkannte jedoch sofort den ihr vorgesetzten Schutzprätor und salutierte schwankend. Die Mutmaßung, dass es sich hier um einen elaborierten Schabernack handelte lag nahe, wurde jedoch ob des unglaublich hohen Aufwandes verworfen, der nötig war, um spontane Teleportationen durchzuführen. Während man aufgeregt palavernd zurück zum Haus des Schutzprätors lief, zuckte erneut ein Blitz und diesmal stand Yuan augenblicklich vor dem Stadttor, an dem sich gerade zwei unbekannte Gestalten mit der Wache herumstritten. Ein Novadi diskutierte gerade mit einem der Soldaten, dass er der Schutzprätor sei und durchgelassen werden wolle. Während die eine Wache Haltung vor dem Betrüger annahm, wollte die zweite diesen nicht in die Stadt lassen. Nach einigem Hin und Her einigten sich Yuan und Kasim, der Novadi, darauf, in Begleitung des zweiten Fremden, Xantero, zum Haus des Schutzprätors zurückzukehren und dort diese missliche Lage näher zu beratschlagen. In der Zwischenzeit war Nostromo mit einem Blitzschlag am Hafen gelandet und blickte sich verwirrt an den Piers um. Zu dämlich, sich aus dem ganzen einen Reim zu machen, drehte er alsbald wieder um und strolche schulterzuckend ebenfalls zum Haus zurück.
Dort war das gesamte Personal in Aufruhr. Während die eine Hälfte treu an der Seite ihres rechtmäßigen Schutzprätors Yuan stand, unterstützte die andere Hälfte die Ansprüche des Usurpators. Da man unfähig war, diese Angelegenheit zu klären, wurde der Vogtvikar aufgesucht, um Licht ins Dunkle zu bringen. Ganz der lässige Hund, der er nun einmal war, erzählte der oberste Phexgeweihte, dass er Erinnerungen an das Einsetzen sowohl Yuans als auch Kasims als Schutzprätor habe. Aus unerfindlichen Gründen schien er von dem Novadi jedoch eine bessere Meinung zu haben. Mit Verhandlungsgeschick und Unverschämtheit handelte Yuan aus, dass er vom Amt des Schutzprätors zurücktreten würde, wenn ihm im Gegenzug der Gewinn ersetzt werden würde, den er in den nächsten 11 Monaten des Schutzprätordaseins würde eingestrichen haben. Wenige Minuten später und um 6000 Dukaten sowie die Besitzurkunde Myrmidions reicher verliessen Nostromo und Yuan fröhlich pfeifend das Haus des Vogtvikars. Die ganze Nacht über diskutierte man intensiv mit den Neuankömmlingen und verglich die alternativen Versionen der Realität sowie die kreativen Einfälle beider Gruppen, sich die Taschen mit Gold zu füllen. Man war sich rasch handelseinig, dass Yuan und Nostromo als „Wächter des Friedens“ weiter für die Stadt bzw. die Schatztruhe des Schutzprätors arbeiten würden und im Gegenzug einen Anteil an den Einnahmen erhalten würden.

Südmeerkampagne 26. Kapitel – Tjalf über Bord

Ort der Handlung: Nasha und Chorhop
24. Travia – 31. Travia

Nachdem die letzte Episode die Mannschaft in einer schwierigen Situation zurückgelassen hatte, begann die aktuelle Episode direkt mit dem Wechsel von Säbelstreichen und Bolzen. Stark in Unterzahl kämpften die wenigen Hanseln der Stadtwache von Chorhop die es auf das Piratenschiff geschafft hatte gegen hochmotivierte und gutausgerüstete Gegner. Mit einer fliessenden Handbewegung schleuderte der flinke Difar einen vergifteten Borndorn auf Nostromo, bevor er sich mit seinem Kurzschwert in den Nahkampf mit dem Utulu stürzte. Während links und rechts die Stadtwache unter den Hieben der Piraten niederging, gab die im Ruderboot verbliebene Kriegsprätorin die Anweisung, das Boot vom Piratenschiff wegzuschaffen und wieder zur Stadt zurückzukehren. Wenige strategische Entscheidungen in der Geschichte Aventuriens waren von geringerer Intelligenz. Nicht nur liess sie so die Hälfte ihrer Männer auf dem gegnerischen Schiff gestrandet zurück, nein, sie ruderte auch noch lustig in die Feuerbereiche der Rotzen der anderen beiden Piratenschiffe hinein.

Myrmidion erkannte die Idiotie der Kriegsprätorin sofort und handelte rasch, in dem er seine Peitsche schnalzen liess. Leider gelang es ihm, seine Peitsche so an einem Piratenschiffsvorsprung zu verhaken. Es wäre besser gewesen, er hätte verfehlt und die Prätorin ausgepeitscht. So jedenfalls versuchte er erneut, sich aufs Deck hinaufzuhangeln, was ihm angesichts seiner schwächlichen Ärmchen jedoch nicht gelang. Unglücklicherweise bewegte sich gleichzeitig das Ruderboot fort, so dass er innerhalb weniger Augenblicke über dem Wasser an der Peitsche hing und nicht vorankam. Entschlossen sprang er in das lauwarme Nass und umschwamm das Schiff, um einen besseren Aufstieg zu finden.

In der Zwischenzeit hatte Nostromo ordentlich Schläge vom flinken Difar einstecken müssen, da er der Meinung war, auf Paraden zu verzichten sei sinnvoll. Im Gegenzug hatten die wuchtigen Hiebe seiner rasiermesserscharfen Axt den flinken Difar um einen Kopf kürzer gemacht. Ein Pirat am Boden, blieben noch 49 weitere! Ein rascher Blick über das Handgemenge ergab, dass sich die Stadtwachen auch nach und nach verabschiedeten während die Piraten lediglich zwei angestoßene Zehen und Tennisarme vom andauernden Einschlagen auf die Wächter abbekommen hatten. Noch die Chancen im Kopf ausrechnend, ob sich die Situation irgendwie würde drehen lassen, wurde Nostromo eines weiteren Piraten gewahr, der sich wutschnaubend aus der Kajüte zwängte. Es war Felicio Verigo, der Liebhaber des soeben verstorbenen flinken Difars. Kleine Dampfwolken stiegen aus seinen Ohren und die pochenden Zornesadern auf seiner Stirn indizierten deutlich einen emotionalen Aufruhr. Unterstützt wurde diese Schnell- und Ferndiagnose durch das klarartikulierte „BRaWAAAGRhrhhhAAAA“, dass der beinhae vor Ärger explodierende Pirat von sich gab, während er mit hocherhobenem Kriegsbeil auf Nostromo zulief. Wohlwissend, dass die Konfrontationstherapie in Fachkreisen umstritten war (vgl. Andergaster et al., 1020 BF), entschloss sich Nostromo, zu deeskalieren und sprang über Bord.
In der Zwischenzeit hatte Myrmidion sich an Deck geschlichen und fing an zu überlegen was er nun eigentlich tun sollte. Er packte eines der zahlreichen Taue der Takelage und plante, dieses durchzuschlagen und sich dann quer über das Schiff ins Kampfgetümmel tragen zu lassen. Gesagt, getan, doch irgendetwas ging an diesem Plan schief. Verwundert blickte er auf das Tauende in seiner Hand, während über ihm das restliche Tau im Dunkeln verschwand. Er schüttelte den Kopf und überarbeitete seinen Plan. Beim nächsten Mal würde er das Tau UNTERHALB seiner Hand durchschlagen…
Mit frohem Mut wurde der Plan 1b durchgeführt und diesmal sauste der kleine Zyklopäer tatsächlich nach oben… direkt in das Segel des Schiffes hinein! Gewand wie eine Katze rammte er sein Kurzschwert in das Segel und konnte so seine Fallgeschwindigkeit verringern, bis er schliesslich auf der Rahe stehenblieb. Geschickt balancierte er weiter und sprang dann aufs Deck herunter, um rasch in der Kapitänskajüte zu verschwinden. Dort schaute er sich nach dem Goldschatz um, der dank Nostromos im letzten Kapitel verpatzter Sinnenschärfeprobe hier vermutet wurde. Leider fand er nur zwei Fläschchen mit Flüssigkeiten sowie einige Seekarten bevor ihm langweilig wurde. Halbherzig versuchte er noch, das Schiff mit einer Fackel anzuzünden, was allerdings kein bisschen funktionierte und schlich sich dann ebenfalls von Bord ins Wasser.

Während dieser Eskapaden hatten die anderen Piratenschiffe ihre Rotzen bemannt und geladen und als das Ruderboot endlich soweit vom Piratenschiff entfernt war, dass Fehlschüsse dieses nicht mehr treffen würden, eröffnete man das Feuer. Heissa, was sausten die Kugeln über das Wasser und heissa, was flogen die Holzsplitter des zerschmetterten Bootes durch die Luft und heissa, was schrien die verwundeten Stadtwachen während sich ihr Ruderbötchen in Trümmer verwandelte. Myrmidion und Nostromo mussten dieses Schauspiel hilflos vom Ufer der Bucht aus ansehen. Bevor sie einen Rettungsversuch starten konnten, mussten sie sich jedoch in den Dschungel zurückziehen, denn nun näherten sich fackelbewehrte Piraten aus der Stadt dem Strand um eventuelle Überlebende des Beschusses in Empfang zu nehmen. Nach einem kurzen Abstecher über das namenlose Kaff zwischen Nasha und Chorhop (Die Dorfbewohner waren geradezu starr vor Schreck, als sie die beiden kläglichen Überlebenden der Strafexpedition gegen Nasha erblickten, konnten sich aber wieder mal nicht dazu durchringen, das unfruchtbare Land, die blutsaugenden Insekten und die Pestilenzsümpfe zu verlassen die sie ihre Heimat nannten) gelangten die beiden Überlebenden zurück in die Stadt und erstatteten dort Schutzprätor Juan Bericht. Groß war die Trauer über den Verlust von Tjalf und Diago, die mit dem Ruderboot untergegangen waren. Angesichts der desaströsen Lage und in Kenntnis des heiteren Gemüts des obersten Phexgeweihten der Stadt schickte Juan seinen Haushofmeister los, um ebendiesem Phexgeweihten ordentlich in den Arsch zu kriechen und einen Termin für ein Gespräch zu vereinbaren. Am Abend schliesslich schilderte Juan dem Vogtvikar seine Sicht der Dinge und bekam im Gegenzug den abgeschlagenen Kopf eines Huhns als Präsent. Auch wenn keiner der drei sonderlich phantasiebegabt war, wurde deutlich, dass ein ähnliches Schicksal dem Schutzprätor drohen würde, wenn er seinen Kram nicht in Ordnung bringen würde. Hier kam jedoch der Gruppe ein ziemlich gutes Argument in den Sinn, dem sich der Vogtvikar nicht vollends entziehen konnte. Beredt setzte Juan ihm auseinander, dass er als Schutzprätor nur für die Sicherheit der Stadt in der Reichweite eines Steinwurfs von der Stadtmauer aus zuständig sei. Entsprechend wäre das ganze unangenehme Geschäft mit Nasha ja eigentlich die Aufgabe der Kriegsprätorin welche sich im Übrigen extrem dämlich dabei angestellt habe, die Steuereinnahmen zurückzuholen. Lediglich durch die hervorragende und vollkommen uneigennützige Arbeit seiner Männer, d.h. Myrmidions und Nostromos, sei man überhaupt in der Lage gewesen, die Piratenburg mitsamt eines Haufens Piraten zu erledigen und, wäre die Kriegsprätorin auch nur ansatzweise kompetent gewesen, hätte man sogar das Flaggschiff der Piraten mitsamt deren Schatz erobern können. Jeglicher Misserfolg sei also auf die Kriegsprätorin zurückzuführen und die glorreichen Teilerfolge auf den altruistisch helfenden Schutzprätor. Phex schenkte dem Vogtvikar Einsicht und grummelnd entliess er die Gruppe.

Deren Laune hob sich noch mehr, als sie erfuhren, dass einige der Gardisten es in die Stadt zurückgeschafft hatten, darunter auch Diago! Leider auch die Kriegsprätorin, die allerdings, sehr zur Freude der Mannschaft, sofort verhaftet und in den Kerker geworfen worden war. Zur Feier der Rückkehr Diagos wurde ein rauschendes Fest im Haus des Schutzprätors ausgerichtet, welches Myrmidion noch dadurch aufwertete, dass er sein in der Kapitänskajüte gefundenes Parfüm gegen die Dienste von vier Frauen des horizontalen Gewerbes eintauschte. Auch wenn Juan nicht sonderlich begeistert davon war, dass nun leicht- bis gar nicht bekleidete Damen erst in seinem Vorgarten und danach im Haus herumtanzten, war das Fest ein vollkommener Erfolg und tröstete ein wenig (aber nicht ganz!) darüber hinweg, dass es von Tjalf kein Lebenszeichen gegeben hatte.

Auch der nächste Tag brachte weitere Freuden, jedenfalls nachdem Juan Myrmidion den Kopf wegen der Dirnen gewaschen hatte. Um das Ansehen des Prätorenamtes besorgt, versuchte er dem Zyklopäer zu erklären, dass ein derartiges Verhalten bei den Großkopferten der Stadt nicht gut ankommen würde. Angesichts des eh schon ramponierten Images der Gruppe, könnte so etwas das Zünglein an der Waage sein und den Unterschied machen zwischen „Nach einem Jahr goldbeladen aus der Stadt verschwinden“ und „Nach einem Jahr steinbeladen im Ozean verschwinden“. Myrmidion hörte aufmerksam zu (zumindest die ersten 30 Sekunden), fing dann an, sich zu langweilen und stellte sich im Geiste lieber tanzende Äffchen vor, als weiter der Gardinenpredigt Juans zuzuhören. Diese wurde jäh unterbrochen, als ein Diener einen Gast ankündigte. Eine Magiern aus Vinsalt hatte sich angemeldet und unterbreitete dem Schutzprätor ein verlockendes Angebot. Anscheinend war diese Dame auf der Jagd nach magisch begabten Kindern für ihre Akademie und würde gutes Geld bzw. gute Diamanten bezahlen für das Auffinden solcher Kinder durch den Prätor mit seinen hervorragenden Kontakten. Juan stimmte zu und bat Diago, sich in der Stadt nach seltsamen Vorkommnissen umzuhören. Dieser verbrachte anstrengende Stunden in verschiedenen Kneipen, musste dabei Bier und Wein trinken, leckeres Essen essen und auch sonst extrem unangenehme Aufgaben absolvieren, um schließlich die Namen von drei Kindern herauszubekommen. Dank Juans silberner Zunge sowie einiger goldener Münzen konnte das erste Kind von einer Bäckerfamilie gekauft und in die Obhut der Magierin übergeben werden, die sich mit einem taubeneingroßen Edelstein revanchierte. Gier blitzte in den Augen der Gruppe auf… In der Stadt gab es mehrere Dutzend Kinder… wenn man diese irgendwie magisch machen würde… Doch dann meldete sich, wenn schon nicht das Gewissen, so doch der Realitätssinn und man beschloss, es bei den drei Kindern zu belassen. Schließlich schien die Magiern irgendwie überprüfen zu können, ob die Personen wirklich magisch waren. Neben den Noblen der Stadt auch noch einer Zauberin ans Bein zu pinkeln erschien als der direkte Weg in den Untergang und so entschied man sich dazu, ehrlich zu bleiben.

Pro:
– Diago ist wieder da!
– Die Kriegsprätorin wurde verhaftet!
– Edelsteine!

Contra:
– Tjalf ist verschollen
– Die Piraten haben vermutlich einen ziemlichen Rochus auf uns und sind, obwohl ein Haufen von ihnen draufgegangen ist, immer noch stark. Vermutlich stehen sie bald vor der Stadt
– Tjalf ist verschollen
– Die Kriegsprätorin hat überlebt
– Tjalf ist verschollen

Südmeerkampagne 25. Kapitel – Krawall in Nasha

Ort der Handlung: Nasha
13. Travia – 24. Travia

Nachdem der Schutzprätor beim letzten Mal einen gehörigen Einlauf und den Auftrag bekommen hatte, sich um den verschwundenen Steuereintreiber zu kümmern, war es nun an der Zeit, den angeschlagenen Ruf aufzupolieren und zum Piratennest Nasha aufzubrechen. Mit der Kriegsprätorin wurde ausgemacht, sich in 6 Tagen einige Meilen vor Nasha zu treffen. Die kampfgestählte Moha würde 20 Mann der Stadtgarde mobilisieren und gemeinsam mit unserer Schlagkraft und den bis dahin von uns gesammelten Informationen über Zahl und Fähigkeit der Piraten würden wir dann das Dorf von den Piraten säubern, die Steuereinnahmen in den Schoß der Stadt zurückbringen und nebenbei, als optionales Tertiärziel untergeordneter Bedeutung, den Steuereintreiber nebst seiner Leute retten. Da Juan als Schutzprätor dringlichst in der Stadt gebraucht wurde, brachen lediglich seine Untergebenen, Tjalf, Myrmidion und Nostromo auf, begleitet von Diago. Ausgerüstet mit einem ordentlichen Picknickkorb (Hartgekochte Eier, Caprisonne, Egelschreckcreme) wanderte die Gruppe fröhlich pfeifend über Dschungelpfade, vorbei an malerisch heruntergekommenen Plantagen und erreichte nach 2,5 Tagen eine Ortschaft kurz vor den Toren Nashas. Die inzestgeschädigten Bewohner dieses namenlosen Kaffs konnten leider kaum wertvolle Informationen liefern, war man sich doch die letzten 5 Jahre zu fein gewesen, seinen Hintern hochzubekommen und Nasha mal zu besuchen. Einzig relevant war, dass Nasha anscheinend jeden Monat ein paar Schlagetots vorbeischickte und die umliegenden Plantagen ausplünderte. Dieses schamlose Verhalten empörte die Gruppe sehr, war diese ehrenwerte Aufgabe doch eigentlich den Steuereintreibern Chorhops vorbehalten! Nun noch entschlossener, dem Piratenunwesen Einhalt zu gebieten, wurde nicht mehr geruht und gerastet, bis das Freibeuternest erreicht wurde.

Leichte Zweifel an der Einfachheit der Situation kamen auf, als erkannt wurde, dass sich die Einwohnerzahl von vermuteten 300 vor 5 Jahren auf nun 600 verdoppelt hatte. Und leider war dieser Zuwachs nicht Tsas Segen der Fruchtbarkeit zuzuschreiben, sondern der Tatsache, dass übles Gesindel aus dem ganzen Südmeer sich hier niedergelassen hatte. Strategisch günstig gelegen in einer Bucht mit lediglich einem einzigen Landzugang, umgeben von einer beinahe 3 Schritt hohen Palisade aus angespitzten Baumstämmen präsentierte sich der Ort als wehrhaft und schwer einzunehmen. Darüberhinaus lagen gleich drei Piratenschiffe in der Süßwasserbucht vor Anker, zwei davon von dem gefürchteten Bund der schwarzen Schlange, der mit Tjalf noch einige Hühnchen bzw. Körperteile auszurupfen hatte. Tjalf ging sofort in den Inkognitomodus und verwandelte sich in den sanftmütigen horasischen Dichter Ulf, um sich vor den Häschern der Schlange zu verstecken. Einige Kopfnüsse später hatte auch Myrmidion verstanden, dass der Name Tjalf in der Stadt nicht gebraucht werden durfte und ging erst von einem „Tj..Ulf“ zu „Ulf“ über. Zur weiteren Vervollkommnung seiner Rolle erwarb Ulf noch ein Kopftuch, eine Hakenhand und ein Holzauge. Nachdem er seine Augenbinde mitsamt dem Dreck der letzten Jahre vom Kopf abgemeisselt und das neu erworbene Auge an seinen rechtmäßigen Platz geprügelt hatte, erinnerte kaum mehr etwas an den muskelgestählten, kampfstarken Thorwaler. Selbst seinen langjährigen Gefährten passierte es glatt, dass sie ihn nicht erkannten. Eine Entdeckung durch übereifrige Schnüffler vom Bund der Schwarzen Schlange war quasi unmöglich!

Mit der ihm eigenen Diskretion und Gewitztheit quetschte Myrmidion den Empfangschef des Dorfes, Ruygoso nach den Machtstrukturen der Stadt aus. Oberpirat und unangefochtenes Oberhaupt war Brenno der Berserker, ein Trumm von einem Mann, desse Hobbies Plündern, Goldansammeln, Saufen und lange Spaziergänge am Strand waren. Dieser freundliche Mann residierte in einer schönen Piratenburg im Nordwestteil der Stadt und hielt gerade Kriegsrat mit den Kapitänen der Piratenschiffe, darunter der gefürchtete Großmufti Manilo „Die schwarze Hand“ vom Bund der Schlange. Der Moha hatte in seinem bewegten Leben einmal zu oft mit Hylailer Feuer jongliert und sich so seine linke Hand bös verbrannt. Diese Lädierung hatte ihn jedoch nicht davon abgehalten, sich wie ein Riesenarmleuchter aufzuführen und sich einen Ruf als gnadenloser Kapitän zu verschaffen. Myrmidion setzte sich unauffällig an einen Tisch neben der Kapitänsrunde, war dann aber so fasziniert von dem Glücksspiel, dass dort stattfand, dass er von der Beratung nichts verstand, so dass die zweifelsohne düsteren Pläne der Piraten unbekannt blieben. Angesichts von etwa 40 anwesenden Seeräubern, von denen nicht wenige zum Bund gehörten, verzog sich die Gruppe rasch wieder. Weiteres Umhören förderte zutage, dass sich der Steuereintreiber samt seinen zwei Begleitgardisten in einem Käfig im Wasser befanden und dort durch Flut und Ebbe gefoltert wurden. Bei steigendem Wasser standen die Gefangenen bis zur Unterlippe im Wasser, während bei Ebbe die Sonne auf die ausgemergelten Gestalten niederbrannte. Natürlich stand die Rettung der armen Leute danach ganz oben auf der Liste, als jedoch bekannt wurde, dass nach dem Überfall auf den Steuereintreiber mehrere Kisten in die Piratenburg geschafft worden waren, verschoben sich die Prioritäten wieder. Mehrere Kisten, vermutlich mit Gold gefüllt? Die guten Leute würden noch ein wenig aushalten müssen in ihrem bequemen Luxuskäfig. Ausserdem konnte herausgefunden werden, dass der Schlangenbund zwei Katapulte in die Stadt geschafft hatte. Diese standen, von vier grimmigen, schwerbewaffneten Schlägern bewacht auf einer kleinen Anhöhe in der Stadt. Eines davon war auf die See, das andere auf den Landzugang gerichtet. Was genau die Piraten damit anstellen wollten, blieb jedoch unklar, angeblich wollte man damit die Moha abschrecken.

Myrmidion nahm noch Kontakt mit dem Efferdgeweihten auf, einem einäugigen ehemaligen Steuermann, der es durchaus gerne sehen würde, wenn die ehrlichen Fischer und Fischerinnen des Dorfs von den rabaukigen Piraten befreit werden würden. Schnell bastelte Myrmidion einen Plan zusammen, der einen koordinierten Angriff sämtlicher Mohastämme der Umgebung, ein gleichzeitiges Kommandounternehmen gegen die Schiffe und das Katapult sowie weitere größenwahnsinnige Unterabschnitte vorsah. Heftiges Herumdiskutieren und Überdenken der ganzen Geschichte ließ zumindest die übertriebensten Teile wegfallen, so dass am Ende ein lediglich extrem unrealistischer Plan stand. Mit Hilfe von Fischerbooten würden die Gardisten bei Nacht in die Stadt gebracht werden. Myrmidion würde dann die Taverne anzünden und dabei eine Feuerschlange vor das Gebäude in den Sand zeichnen, um den Verdacht auf den Bund zu lenken. Gleichzeitig würde der Rest der Gruppe die Wachen an den Katapulten ausschalten, diese auf die Piratenburg ausrichten und abfeuern. In dem anschliessenden Chaos würde man das Gold aus der hoffentlich in Trümmern liegenden Burg bergen, weiteren Unfrieden zwischen den freien Piraten und den Bundlern stiften und danach die Reste mit Waffengewalt aufwischen. Soweit der Plan… doch wie so häufig klafften zwischen Wunsch und Wirklichkeit Lücken, in denen man ganze Elefantenhorden hätte verstecken können. Die ersten Teile funktionierten erstaunlich gut. Ohne Probleme gelangten die Gardisten inklusive Kriegsprätorin und einem Geschützmeister in die Stadt. Auch das Anzünden der Kneipe sowie das Anlegen der Schlange gelang Myrmidion wunderbar, ebenso das Ausleuchten der Burg, um dem Richtmeister die Zielerfassung zu erleichtern. Während der quirlige Zyklopäer also durch die Stadt wirbelte, zog Ulf die Aufmerksamkeit der Katapultwächter auf sich, indem er als Betrunkener vor deren Stellung herumkasperte. Von diesen unbemerkt, schlichen sich Diago und Nostromo von hinten heran und als der Zeitpunkt günstig zu sein schien, legte Nostromo all seine Kraft in einen Axthieb gegen den überraschten Wächter. Mit einem platschenden Geräusch riss das Kriegsbeil den Rücken des Piraten auf, der sofort zu Boden ging und Blutfontänen über seine überraschten Kollegen verteilte. Der Hieb Diagos verwundete die zweite Wache schwer am Arm, bevor Ulf seine Tarnung fallen liess und zu Tjalf wurde. Lässig schickte er die dritte Wache, die noch stark damit beschäftigt war, fassungslos auf den getöteten Kameraden zu blicken, auf den Boden, wo sie vor sich hinweinend liegenblieb. Beflügelt von dem ersten Erfolg knüppelten Diago und Nostromo den nächsten Wächter nieder, während der vierte unter Tjalfs Hieben ebenfalls weinend umfiel. Noch nicht zufrieden mit seiner Performance, ließ Tjalf seine Orknase auf den zu Boden gegangenen Gegner niederfahren und trennte diesem damit das linke Bein ab. Während der letzte Wächter sich aufzurappeln versuchte, schwang Tjalf die Waffe mit einem lässigen Rückhandschlag in seine Richtung und wiederholte seine Leistung auch bei diesem Gegner. Dieses mal musste jedoch das rechte Bein dran glauben. Innerhalb von wenigen Augenblicken waren also die Katapulte unter unserer Kontrolle und während Tjalf und Nostromo die Leichen über die Palisade zu den wartenden Krokodilen wuchteten, um keine Spuren zurückzulassen, richteten die Soldaten die Geschütze auf die Piratenburg aus. Nervös blickte die Gruppe auf die Löschschlange, die sich in der Stadt gebildet hatte. Eimer um Eimer Wasser wurde auf die immer noch fröhlich lodernde Kneipe gekippt. Es wurde Zeit, den Aufruhr zu vergrößern! Noch während dieser Gedanke durch die Köpfe der Gefährten ging, schlug der Geschützmeister die Seile durch und mit einem leisen Rauschen sausten die Felsbrocken aus den Katapultarmen gen Stadt. Nur wenig später wackelte die Erde, als beide Geschosse punktgenau ihr Ziel trafen und zuerst der West- dann der Ostflügel in einer Explosion aus Holzsplittern zerstört wurde. Vollkommen überrascht von dem unverhofften Erfolg musste sich die Gruppe erst sammeln, doch nachdem Myrmidion wieder eingetroffen war, wurden die nächsten Schritte des Plans ausgeführt. Ab hier ging dann allerdings alles schief. Zwar konnten die Gefangenen noch befreit werden, aber es gelang Myrmidion nicht, einen Bürgerkrieg zwischen den freien Piraten und dem Bund der Schwarzen Schlange anzustacheln. Die Gruppe teilte sich auf in Nostromo mit zwei Soldaten, die nach dem Goldschatz in den Trümmern der Burg schauen sollten und den restlichen knapp 20 Mann, die kleinere Piratengruppen erschlagen würden, dabei immer einen Überlebenden entkommen lassend, der die Nachricht von Angriffen der Schwarzen Schlange weitertragen sollte. Das klappte leider überhaupt nicht, so dass sich die Piraten langsam zusammenrotteten, um der Gruppe entgegenzutreten, die sie da in ihrem eigenen Lager überfiel. Noch weniger erfolgreich war die Suche nach dem Gold. Während die beiden Soldaten zwar Schatztruhen entdeckten, war Nostromo nicht in der Lage, auch nur einen einzigen Kreuzer zu finden (Doppel-20 bei der Wahrnehmungsprobe… zum zweiten Mal mit diesem Charakter!) und schlussfolgerte daher, dass die Dukaten wohl als Bezahlung für die Katapulte auf das Schiff der Schwarzen Schlange gebracht worden waren.

Ab hier musste daher improvisiert werden und man gelangte ganz schnell vom Regen in die Traufe. Ein im Hafen liegendes Ruderboot wurde konfisziert und man ruderte rasch um das Piratenschiff herum, um es dann von der Seeseite zu entern. Es war davon auszugehen, dass die Wachmannschaft ganz damit beschäftig war, sich den Tumult in Nasha anzusehen, so dass man leise von der anderen Seite an Bord würde schleichen können, um sich danach der Piraten zu entledigen und mit dem gekaperten Schiff elegant nach Chorhop zurückzusegeln. Soweit die Idee, praktisch scheiterte der Spass jedoch bereits daran, dass Myrmidion beim Klettern abrutschte und ins Wasser fiel, während Diago und Tjalf beim Besteigen der Bordwann immer wieder laut krachend gegen diese stießen und schliesslich ins Ruderboot zurückpurzelten. Lediglich Nostromo und sieben der Soldaten gelang es, das Boot zu entern. Anstelle einer überraschten Mannschaft warteten dort jedoch 14 Piraten mit gezogenen Waffen auf die Neuankömlinge… Bevor es allerdings zum Austausch von Worten oder Schlägen kommen konnte, zoomte die Kamera heraus und der Abspann lief über das aus der Vogelperspektive aufgenommene Nasha.

Pro:
– 40 % des Plans haben wunderbar funktioniert!
– Tjalf lief wieder zur Höchstform auf und hat zwei weitere abgeschlagene Beine auf seiner Trophäenliste zu verzeichnen.

Contra:
– 60 % des Plans haben gar nicht funktioniert!
– Vor uns misstrauische Piraten, hinter uns das Meer… Was mag die bessere Alternative sein?

Im Herzen der Finsternis – Regen

Der Weg durch den Urwald war beschwerlich, doch langsam gewöhnte ich mich an die Unannehmlichkeiten. Jeder Dschungel hat seinen eigenen Takt, seine eigene Melodie. Und wer nicht in dieser grünen Hölle versinken möchte, der ist gut damit beraten, sich auf diese Melodie einzustellen und nach ihr zu tanzen. In diesem Urwald trommelte gegen die Mittagszeit für eine Stunde ein ausdauernder, alles durchnässender Regen herab und machte ein Weiterreisen unmöglich. Da Kutekutak es nicht für nötig gehalten hatte, uns zu warnen, waren wir am ersten Tag zur kaum verhohlenen Schadenfreude des Mohas nass geworden wie brünstige Hinterhofkater, bevor es uns gelang, die Zelte aufzustellen. Während wir auf das Ende des Regens warteten, löcherte die Moha Zwerg und Halbelf weiter mit ihren Fragen und bewies mit dem zielstrebigen Einsatz ihrer Reize eine Berechnung, die jeder Mitgiftjägerin Al Anfas gut zu Gesicht gestanden hätte. Als der Regen schlagartig stoppte und der nun aufsteigende Dampf den Blick vernebelte, nutzte ein Waldpanther die Gunst der Stunde und griff unseren Elefantenführer an. Meine Vermutung, dass Tollwut das Raubtier dazu gebracht hatte, eine mehrköpfige, ihm überlegene Gruppe anzugreifen, erwies sich glücklicherweise als falsch. Als es nach wenigen Hieben jaulend zwischen den Bäumen verschwand, wurde mir klar, dass wohl der Hunger es zu diesem aussichtslosen Überfall motiviert hatte. Vielleicht ein altes Tier, zu schwach, schnelle Beute zu jagen und nun von Hunger gequält dazu gezwungen, selbst überlegene Gegner anzugreifen, solange sie nur langsam genug waren. Während die anderen Mohas den Verwundeten ausschimpften und wir die Ausrüstungsgegenstände, die der überängstliche Elefant bei dem Angriff verloren hatte, zu retten versuchten, stahlen sich erneut Erinnerungen in meine Gedanken.

Einen offenen Angriff eines Tigers hatte ich vorher nie erlebt und trotzdem hatten wir Verluste durch diese Raubkatzen erlitten. Einzelne Kameraden, die sich hatten zurückfallen lassen oder die des Nachts ihre Bedürfnisse fern des Lagers verrichtet hatten, waren teils ohne Spur verschwunden, teils konnten sie schwer verwundet gerettet werden, nachdem ihr Geschrei den Rest von uns aus seinem unruhigen Dösen geweckt hatte. Ich wischte mir über das Gesicht, um die grausamen Bilder zu verscheuchen und nachdem die oberflächlichen Wunden Hudujotukla von Kutekutak ruppig verbunden worden waren, reisten wir weiter. Mehr und mehr stellte ich mich auf den Rhythmus des Dschungels ein und begann, seine Melodie zu verstehen. Als am nächsten Tag die Luft eine bestimmte Qualität annahm, ein bestimmter Druck sich auf die Ohren legte, ahnte ich, dass der Regenschauer bald einsetzen würde und so gelang es uns, die Zelte rechtzeitig aufzubauen. Kutekutak konnte sein Bedauern kaum verhehlen. Während ich stoisch in den Regen stierte, behielt ich den Moha im Augenwinkel und konnte sehen, wie ihn das Zittern packte. Der armselige Versuch, seine Sucht zu verbergen galt wohl nur noch seinem eigenen Stolz. Jeder mit zwei Augen im Kopf sah durch seine billige Tarnung hindurch, als er sich einem Busch zuwandte und vortäuschte, Blätter zu sammeln, während seine Rechte flink einen Flachmann aus dem Beutel zauberte und zu seinem Mund führte. Immer stärker wurde der Gedanke, dass Kutekutak zu einer Belastung und damit zu einer Gefahr für die gesamte Gruppe wurde.

In einer feindlichen Umgebung wie dieser hatte sich Schwäche noch immer als Sendbote des Untergangs erwiesen. Einige meiner Kameraden hatte die nervliche Anstrengung der andauernden Kämpfe, der ständig präsenten Gefahr im unendlich wirkenden Dschungel in die Vergessen bringenden Arme des Alkohols oder noch härterer Rauschmittel geführt. Ich kannte keine Handvoll, denen das nicht zum Verhängnis geworden war, schlimmer noch: in der Regel hatte ihr Verhalten schlimme bis katastrophale Auswirkungen auf den Rest der Truppe gehabt. Ich überlegte noch, ob ich meine Bedenken Don Brodinger mitteilen sollte, da endete der Regen schlagartig und sofort stieg dichter Nebel auf, wie verlorene, missgünstige Seelen, die uns ins Verderben ziehen wollten. Auch an diesem Tag nutzte ein Räuber die Gunst der Stunde und attackierte Don Surez. Für einen kurzen Moment stockte mir der Atem, als ich einen unförmige Schatten im Nebel wabern sah, der glücklicherweise vergeblich nach dem flinken Magier hieb, dann übernahmen die Reflexe meine Handlungen, ließen mich auf die Gefahr zulaufen, im Lauf die Waffe ziehen und eine günstige Angriffsposition einnehmen. Neben mir richtete der Zwerg seine Armbrust auf den Gegner und kurz bevor ich den Kampf zwischen dem Halbelfen und dem Angreifer erreichte, zog zielsicher ein Bolzen an mir vorbei und bohrte sich in das Tier. Nachdem ich nun auf Schlagreichweite herangekommen war, konnte ich erkennen, dass es sich um eine Riesenamöbe handelte, die in diesem Augenblick eine Art Arm ausbildete und erneut nach dem Magier schlug. Gewandt wie ein Torero beim Stierkampf ließ er den Angriff ins Leere laufen und nachdem mein Hieb die Amöbe aufschlitzte und eine seltsam riechende Flüssigkeit auf den Dschungelboden schwappte, raste eine mächtige Flammenlanze aus den Fingern des Magiers. Einige der allgegenwärtigen Insekten die den Anstand besessen hatten, in die Bahn des Feuers zu gelangen, torkelten verbrannt zu Boden, dann traf das Geschoss die Amöbe, welche in der Hitze zu kochen anfing und in Sekunden zerplatzte. Angewidert betrachteten wir die Reste, während ich den Amöbenschleim von der Klinge wischte. „Ihr zu laut, darum Angriff!“ Nachdem die Gefahr beseitigt worden war, versuchte Kutekutak sich wichtig zu machen und uns so von seinem Versagen, uns sicher durch den Urwald zu führen, abzulenken. Die finsteren Blicke, die wir ihm zuwarfen, ließen ihn jedoch verstummen und so zog er bald rasch wieder ab.

Als der Nachmittag langsam in den Abend überging, lag eine angespannte Stimmung über der Gruppe wie eine Dunstglocke über dem Gerberviertel. Nur die nötigsten Worte wurden gewechselt und selbst die Moha, sonst bemüht wie eine Brabaker Straßendirne, hatte nach einigen einsilbigen Antworten die Lust verloren und lief nun schweigend neben dem Elefanten her. Eigentlich wäre es, angesichts der feindlichen Umgebung, der gefährlichen Tiere, des ständigen Blutzoll an die uns zu Myriaden umschwirrenden Insekten, des unablässigen Kampfes um den nächsten Schritt durch den widerspenstigen Wald, das Beste gewesen, zusammenzurücken, füreinander einzustehen und die Widrigkeiten gemeinsam anzugehen. Doch weit gefehlt! Jeder lief für sich allein und verlor sich immer tiefer in seinem Schneckenhaus, Verstand genannt. Der Dschungelkoller kam langsam näher und wir mussten aufpassen, dass uns die Atmosphäre nicht zu sehr an die Nieren ging. Seinen Teil zu der angespannten Stimmung hatte die Strafmaßnahme von Don Brodinger beigetragen, der Kutekutak die Schnapsflasche abgenommen hatte, als Bestrafung für dessen Inkompetenz und Aufmüpfigkeit. Die Hasstirade die der Moha ausstieß, hätte einen gestandenen Seemann erröten lassen wie eine Traviaakoluthin, aber da niemand die Sprache des Eingeborenen verstand und ich meinen Trumpf, jedes Wort der Begleiter unbemerkt zu verstehen, im Ärmel belassen wollte, wurde der Ausbruch Kutekutaks ignoriert. Beim Aufbau des Abendlagers hatte bereits der Tremor seinen Körper ergriffen.
Da er sich jedoch auch bisher immer nur um seine eigenen Sachen gekümmert hatte, war sein Ausfall beim Einrichten der Nachtlager und Entfachen des Feuers kein Verlust. Nachdem wortlos eine karge Mahlzeit eingenommen worden war, machte sich der Zwerg auf die Suche nach jagdbarem Wild, um so zumindest das Frühstück zu einer erfreulicheren Angelegenheit zu machen. Während der Magier ein Gespräch mit Don Brodinger begann, das lustlos dahinplätscherte wie ein versickerndes Rinnsal in der Wüste, befreite ich mein Schwert von Flugrost und wartete meine Ausrüstung. Es dauerte keine Stunde, da riss uns Gambosh aus unserem Dahinbrüten, als er mit einem weiteren Zwerg im Schlepptau aus dem Dschungel trat. Wie es schien, war genau dieses Ereignis nötig gewesen, um uns aus unserem eigenen geistigen Gefängnis zu befreien. Wo eben noch ein jeder verstockt in seiner Ecke gebrütet hatte, saß man nun gemeinsam am Feuer und unterhielt sich mit dem Fremden.

Im Herzen der Finsternis – Aufbruch

Das Pflaster in der Stadt war heiß geworden, zu heiß für mich. Die schwüle Sommerhitze lag dieses Jahr noch unerträglicher über den Gassen und brachte Gewalttätigkeiten und Tod in ihrem Gefolge mit. Die großen Fische im Teich ließen sich von der Atmosphäre anstecken und begannen, sich zu regen. Beim Versuch, ihren Einfluss zu vergrößern und ihre Rivalen zu vernichten war den Granden jedes Mittel recht. Offene Kämpfe zwischen den Wachen der einzelnen Familien, Anschläge auf echte oder eingebildete Anhänger anderer Häuser, verschiedenste Straßenbanden, die von den Granden bezahlt wurden, um ihren Gegnern zu schaden; wie tollwütige Hunde schnappten die mächtigen Familien um sich und ließen so die komplizierte, aber seit Jahrzehnten etablierte Balance der Macht in sich zusammenfallen wie ein Mietblock in den Favelas. Das Blut färbte die Straßen rot, als der kollektive Wahnsinn weiter um sich griff und die allgemeine Unruhe genutzt wurde, um offene Rechnungen zu begleichen. Kleinen Fischen wie mir blieb nichts anderes übrig, als sich bedeckt zu halten, um zwischen den Machtblöcken nicht zerrieben zu werden. Mein Netzwerk an Informanten war bald zerrissen, meine Kontakte entweder untergetaucht, nicht mehr vertrauenswürdig oder tot. Als die Stadt immer tiefer in einem Strudel aus Gewalt versank, entschied ich mich, meine Investitionen abzuschreiben und Al Anfa zu verlassen, bis die Haie genug Blut gesoffen hatten und sich ein neues Gleichgewicht einstellen würde. Es würde eine kostspielige Angelegenheit werden, wieder in das Geschäft einzusteigen und so war mein erstes Ziel, ausreichend Mittel zu beschaffen, um im Winter meine eigene kleine Domäne in Al Anfa einrichten zu können. An Bord eines Seelenverkäufers gelangte ich aus der Stadt und die angenehme Seeluft kühlte meine überhitzten Sinne. Fürs Erste war ich der Knochenmühle Al Anfas entkommen!

Nach zwei Wochen angenehm ereignisloser Reise ging ich in Port Corrad an Bord. Und wie es Phex Wille ist, fand ich den Aushang von Don Brodinger, der eine Expedition in den Dschungel durchführen wollte, um einen heidnischen Tempel zu plündern. Meine Mittel waren eingeschränkt, die Ausschreibung klang verheißungsvoll, und so traf ich im Glänzenden Papageien zum ersten Mal auf Don Brodinger und die weiteren Teilnehmer der Expedition.

Das Innere der Kaschemme wurde durch rußende Fackeln erhellt, die die eh schon unangenehme Wärme noch verstärkten. Bis auf den Wirt war lediglich eine Handvoll Personen in dem Raum, deren Wunderlichkeit jedoch für eine ganze Kompanie gereicht hätte. Aus tiefliegenden, düsteren Augen blickte ein Halbelf auf mich herab, angetan mit ungewöhnlichen Gewändern. Auch wenn diese nicht die protzigen Symbole der Zauberei aufwiesen, die viele seiner Kollegen so gerne angeberisch präsentieren, ließ ihr Schnitt und der haupthohe Stab keinen anderen Schluss zu als den, dass es sich hier um einen Magier handelte. Neben diesem Baum, so dürr er auch sein mochte, stand als krasses Gegenstück ein Fels von einem Mann. Keine 1,5 Schritt hoch, aber Schultern wie ein Ochse, trotz der Temperatur in ein Kettenhemd gepackt. Das wenige, was von dem Gesicht aus dem buschigen schwarzen Bart herausragte war mit einer grauen Paste beschmiert. Eine mächtige Armbrust und ein Kriegshammer am Gürtel rundete das Bild ab. Der dritte im Bunde schien mit seiner korrekten Kleidung und seinem Pfeifengeschmauche direkt aus einem Al Anfaner Herrenclub gerissen worden zu sein. Wie der Halbelf und der Zwerg wirkte der kräftige Mann mittleren Alters fehl am Platze. Für einen kurzen Moment befiel mich der Verdacht, dass ich vielleicht ebenso wenig ins Bild passte, aber ein Blick in den fleckigen Spiegel hinter dem Tresen erstickte den Gedanken im Keim. Dunkle Augen, mittelgroß, leichtes Grau an den Schläfen im ansonsten schwarzen Haar. Auch meine Kleidung, eine dunkle Hose, hohe Stiefel und ein Gambeson gaben keinerlei Anlass zur Beanstandung, lediglich mein Tuzakmesser, treuer Gefährte seit jenen Ereignissen vor vielen Jahren stach etwas hervor.

Nachdem er seine Pfeife ausgeklopft und sich geräuspert hatte, fing das Clubmitglied zu reden an. „Meine geschätzten Herren, ich bin Don Brodinger und ich vermute stark, dass sie die abenteuerlustigen Gefährten sind, die mich auf meiner Reise in den Urwald begleiten wollen, um großartige Abenteuer zu erleben und sagenhaften Ruhm zu erwerben.“ Seine Stimme samtete wie Honig, doch die geschwungenen Worte perlten an den Anwesenden ab als seien es Regentropfen auf einer Wachsschicht. Anscheinend waren wir alle schon zu oft von derartigen Schönrednern übers Ohr gehauen worden. Anfangs grämt man sich darüber, hadert mit sich selbst, macht sich Vorwürfe, aber irgendwann wird man hart und zäh und zynisch. „Wo genau gehen wir hin, was erwartet uns da und welche Bezahlung gibt es?“ Der Zwerg Grandosch war so gradlinig wie ein Granitblock. Aufmerksam hörten wir unserem potentiellen Auftraggeber zu, der von einem Tempel im Dschungel berichtete, aus dem er vor 15 Jahren eine heidnische Statue nach Mirham gebracht habe und die nun im dortigen Museum stehen würde. In ausschweifenden Worten legte er dar, dass er nun zu dem Tempel zurückkehren wolle, um weitere Kunstgegenstände zu bergen. Als es jedoch um die Gefahren ging, die ihn damals zur Flucht aus dem Tempel veranlasst hatten, wurde er zugeknöpft, wie eine alte brabaker Jungfer. „Die Verfolger habe ich nicht gesehen.“ Nicht einmal die Frage, ob es sich um menschliche oder tierische Gegner gehandelt habe, konnte oder wollte er beantworten. Misstrauisch den zukünftigen Expeditionsleiter beäugend, spuckte der Zwerg aus. „Und was für eine Bezahlung gibt es für dieses nebulöse Abenteuer?“. „Alles, was ihr an Schätzen findet sowie drei Silbertaler pro Tag und Kost und Logis.“ Don Surez, der Magier, ließ eine Augenbraue gen Praios wandern. „Drei Silbertaler? Neun Dukaten im Monat? Selbst das Dreifache wäre kärglich für meine Kompetenz!“. Genüsslich steckte sich Don Brodinger eine weitere Pfeife an und fuhr damit fort, die schwüle Luft weiter zu verpesten. „Und alles, was ihr an Schätzen findet! Ich habe einen Waldelefanten als Transporttier organisiert, auf den genug Gold passt, dass man damit die brabaker Marine kaufen könnte.“ Ich konnte erkennen, wie der Zweifel aus den Mienen der anderen schlagartig verschwand und auch meine Bedenken nahmen sich eine Auszeit. War der feste Lohn auch nicht berauschend, so schien der variable Anteil die Mühe mehr als wert zu sein. Ich setzte einen Vertrag auf, der die Einzelheiten der Bezahlung und des Transports regelte und nachdem wir alle unsere Unterschriften unter das Schriftstück gesetzt hatten, wurde es dem Wirt des Glänzenden Papageien zur Verwahrung gegeben.

Mit großartiger Geste führte uns Don Brodinger danach in den Innenhof, in dem der Elefant mitsamt der Ausrüstung wartete und auch die drei einheimischen Führer die Brodinger engagiert hatte, herumlungerten. Während wir in den Hof traten, spuckte der älteste der Mohas aus und verfluchte uns verdammte Bleichgesichter auf seiner Muttersprache. Ich ließ mir nicht anmerken, dass ich jedes einzelne seiner Worte verstanden hatte und beschloss, es dem ungehobelten Kerl heimzuzahlen. Krachend drückte ich seine Hand und stellte mich mit langsamer und lauter Stimme vor, als würde ich mit einem Kind unterhalten. Der Hass in seinen blutunterlaufenen Augen sprang mir förmlich entgegen, aber er wagte es nicht, sich zu wehren und blickte beiseite. Ein Geruch nach billigem Fusel wehte mir von ihm entgegen und ich konnte den Schweiß auf seiner Stirn erkennen, der nicht von der Temperatur, sondern von einem Mangel an Alkohol stammte. Der tapfere Kutekutak war ein Opfer des Feuerwassers! Ein beinahe ebenso unerfreulicher Anblick war sein jugendlicher Bruder Hudujotukla, der Elefantenführer. Ein mageres Bürschchen, der seine stetig laufende Nase regelmäßig hochzog und es nicht wagte, einem von uns in die Augen zu blicken. Linkisch drückte er sich an dem Elefanten herum und blickte auf seine schmutzigen Füße herab. Ganz im Gegensatz zu diesen beiden Gestalten überstrahlte die dritte Moha alles. Eine aufgeweckte junge Frau, keck und mit genug Kurven, dass es einem schwindelig werden konnte. Ihre braunen Augen sprühten vor Lebenslust und Intelligenz und schon bald hatte sie, als Einzige der Gruppe wirklich des Brabaci mächtig, uns mit Fragen durchlöchert. Ich hatte dieses Verhalten schon öfters gesehen. Wenn Mitglieder wilder Stämme mit der Zivilisation konfrontiert werden, gibt es drei Möglichkeiten. Zum einen können sie überfordert werden von den neuen Möglichkeiten, verwirrt, dass ihre bisherigen Kenntnisse und Fähigkeiten nun kaum mehr gefragt waren und dass Dere aus mehr besteht, als ihrem kleinen Teil des Dschungels. Diese Gruppe von Wilden lebt an den Rändern der zivilisierten Städte, unfähig, zurück zu den Wegen ihrer Vorfahren zu finden und genauso unfähig, sich an das Leben in der Stadt anzupassen. Um ihr trostloses Schicksal zu ertragen, ergeben sich viele dieser armen Teufel dem Alkohol und übernahmen damit die schlechtesten „Segnungen“ der Zivilisation. Eine zweite Gruppe schafft die Rückkehr. Nachdem sie die Stadt und ihre Bewohner kennengelernt haben, gehen sie zurück zu ihrem Stamm mit neuen Geschichten, interessanten Handelsgütern und der unmissverständlichen Botschaft, dass der weiße Mann verrückt sei und man besser im Dschungel bliebe, wie es sich gehörte. Und die dritte Gruppe, die seltenste, ist diejenige, die alles Neue versucht aufzunehmen, die Wissen, Erfahrungen, Erlebnisse aufsaugt wie ein Schwamm und so viel lernen wollte wie möglich. Diese Moha sahen die Möglichkeiten, ihren Horizont zu erweitern, fremde Länder kennenzulernen und schienen von Hesinde, Nandus und Aves gleichermaßen beseelt zu sein. Zu dieser letzten Gruppe gehörte Leritamtamsun, für die die Erkenntnis, dass es mehr gab als den Urwald und die Stämme eine welterschütternde, wunderbare Offenbarung gewesen sein muss. Und wie so üblich führten diese unterschiedlichen Sichtweisen zu schweren Konflikten innerhalb der Familie wie ich bald auf der Reise feststellen sollte.

Nach einer letzten Nacht in einem richtigen Bett für viele Wochen, brachen wir am nächsten Morgen auf und wurden bald von der Vegetation des Urwalds verschluckt. Mühsam folgten wir dem kaum zu erkennenden Trampelpfad, während uns die feuchte Hitze den Schweiß aus den Poren trieb. Staub und Pollen tanzten in den wenigen Sonnenstrahlen, die die grüne Decke durchdringen konnten und das Zirpen der Insekten erfüllte das Halbdunkel. Für einen Moment marschierte ich wieder mit meinen Kameraden, vor mir der hünenhafte Alrik, direkt neben mir Gregorio mit seinen feuerroten Haaren, immer wachsam, immer aufmerksam, immer ein Auge auf die Umgebung und von hinten erklangen die geflüsterten Befehle von Traviane, der einzigartigen Traviane… Ich merkte, wie ich mich selbst in Erinnerungen verlor und rief mich zur Ordnung. Das war vorbei, lange vorbei! Ein anderer Dschungel, eine andere Zeit. Wir waren jetzt hier und es bedurfte all unserer Aufmerksamkeit, um die Expedition heil hinter uns zu bringen.