Aus dem Leben des Barons IV – Wie ich einmal einen Drachen besiegte und das Kaiserreich rettete

Die Sonne hatte sich bereits über ihren Zenit hinausbewegt, als endlich die Tore der Kaiserstadt Gareth krachend geöffnet wurden. Dutzende Herolde sprangen auf den Weg und ließen in einer peinlichen Zurschaustellung von schlechtem Geschmack Answins Hymne erschallen, während weitere Bedienstete Teppiche ausrollten und Rosenblüten auf diesem verteilten. Wie nicht anders zu erwarten hatte sich der Usurpator zu dem Duell verspätet, das endgültig die Thronfrage des Mittelreichs klären sollte. Während die edle Rohaja und ihr Heer bereits pünktlich Position bezogen hatte und nun mit dem nötigen Ernst schweigend auf den Kontrahenten wartete, hatte sich der unrechtmäßige Gegenkaiser noch den feisten Wanst mit Wachtelbrüstchen und Schaumwein gefüllt. Ein einzelner Sonnenschein reflektierte auf dem Harnisch des Verräters, der mit geschlossenem Visier auf einem schwarzen Ross durch das Tor geritten kam. Seine Speichellecker jubelten und johlten in vollkommener Verkennung der Lage. Verächtlich schnaubte ich. Lediglich ein absoluter Einfaltspinsel würde auf diese jämmerliche Charade reinfallen. Das verbrecherisch an sich gerissene Kaiserschwert Silpikon hing nicht an der Seite des Berittenen, das Visier des Helms war heruntergelassen und die plärrende Stimme des alten Mannes war auch nicht zu hören. Nie im Leben war dieser Reiter Answin. Ich schüttelte amüsiert das Haupt ob dieses billigen Tricks. Natürlich wollte Answin nicht seinen eigenen Kopf im Duell hinhalten, wußte der Tattergreis doch ganz genau, dass er der jungen, talentierten Kaiserin unterlegen war. Welchen Trottel mochte er wohl in die Rüstung gezwungen haben? Eigentlich kam nur einer in Frage, doch bevor ich meine Gefährten darauf hinweisen konnte, verdunkelten auch bereits von der Garether Stadtmauer abgeschossene Armbrustbolzen den Himmel und in wenigen Augenblicken sank der angebliche Answin getroffen zu Boden. Mit schmutzverkrusteten Fingern entfernten einige der Söldner den Helm des Gestürzten und siehe da, wie ich es vermutet hatte, steckte der unsägliche Ludeger Rabenmund in seines Vater Rüstung.
Natürlich hatte Answins zweiter Sohn Barnhelm seine Finger in diesem Anschlag. Nachdem ich am gestrigen Tag subtil das Thema des Erbes der Rabenmunds aufgebracht hatte, war ein Keil in die Familie getrieben worden. Jeder der Söhne Answins wollte dessen Erbe antreten und was wäre einfacher, als die anderen Anwärter auszuschalten? Barnhelms Gier hatte so praktischerweise Answins Plan, das Duell zu umgehen, vereitelt und natürlich würde er keine Mühe scheuen, dieses feige Attentat auf Rohaja zu schieben. „Meine Kaiserin“, sprach ich aus den Mundwinkeln, „macht euch bereit. Diesen Gesichtsverlust kann der Alte nicht hinnehmen, er wird das Duell nicht austragen, sondern zum Angriff blasen, in der Hoffnung, unser Heer zu zermalmen und so die Krone an sich zu reissen.“ Noch ehe mir die Worte komplett über die Lippen gegangen waren, ertönte auch bereits das Signal aus den Hörnern der Söldner und in einer Woge aus Stahl und Eisen walzte Answins Heer ungeordnet auf unseren tapferen Haufen zu. Zahlenmäßig zwar eins zu fünf unterlegen, doch taktisch weitaus besser vorbereitet und ausgebildet, führte die Kaiserin mit strategischer Brillanz unsere Truppen, so dass es Rabenmund nicht gelang, seine zahlenmäßige Überlegenheit auszuspielen. Wieder und wieder ließ sie seine Angriffsbemühungen ins Leere laufen, täuschte einen Kavallerieangriff vor, um dann an ganz anderer Stelle einen Trupp Soldaten vorzuschicken und dem Feind empfindliche Verluste zuzufügen. Mochte der Giftmischer auch Toben, so würde er nicht die Krone an sich reißen können.

Trotzdem schmerzte es in unserem Herzen, dass hier tapfere Töchter und Söhne des Mittelreiches fielen und so preschte ich mit meinen Gefährten zum Kloster der heiligen Noiona um Kaiser Hal zu holen, dessen Autorität die Schlacht sicherlich stoppen würde. Keinen Augenblick zu spät erreichten wir das Kloster, vor dem bereits ein Dutzend Pferde mit dem Zeichen der Rabenmunds grasten. Dieser elende Verräter zeigte wieder einmal, dass er vor feigem Mord nicht zurückschreckte! Mit gezogenen Waffen stürmten wir ins Dunkle, gewahrten entsetzt, dass bereits blutige Ernte unter Insassen und Pflegern gehalten worden war und stürzten uns mit gerechtem Zorn auf die ehrlosen Mordbrenner. Wie ein Wirbelsturm raste ich durch die Gegner, punktierte Lungen, durchstieß Arme und verteilte Knaufschläge nach Gutdünken auf die tumben Häuptern der Mörder. Als sich der letzte Gegner gerade mit blutiger Axt über seiner Majestät aufrichtete und sich daran machte, ihm den Schädel einzuschlagen, traf ihn das Schwert Curthans und setzte seinem wertlosen Leben ein Ende. Rasch erläuterte ich Hal die Lage und mit der seiner Familie eigenen Entschlossenheit und Tapferkeit rüstete er sich, ließ die goldene Lanze herbeirufen und unter den bewundernden Blicken der Bürger und Soldaten erreichten wir alsbald das Schlachtfeld. Hier hatte sich Answin mittlerweile im Schutze seiner Leibwache zu Rohajas Feldherrenhügel vorgekämpft und kreuzte dort mit der Kaiserin selbst die Klingen. Schwitzend und fluchend ließ er Silpikon auf sie niederfahren, nur um von ihr mit Leichtigkeit pariert zu werden. Während der Kampf der einfachen Soldaten mit der Ankunft des Gottkaisers Hal abebbte und der Weg für uns freigemacht wurde, versuchte Answin erneut mit einem heftigen, doch ungenauen Schlag die Kaiserin zu verletzen. Wieder prallte Stahl auf Stahl, wieder schall ein Fluch über das mittlerweile ruhige Schlachtfeld. In diesem Moment wurde auch Rohaja ihres Großvaters gewahr und mit einem Ausdruck der äußersten Überraschung und Freude blickte sie auf den für tot Geglaubten. „Großvater, du bist es wirklich!“ Wie Praios den Tag erhellt, so erhellte Rohajas Lächeln das Schlachtfeld. In den Augen der gemeinen Soldaten kämpften Tränen der Rührung mit denen der Freude über die Rückkehr des Kaisers und selbst aus der Reihe von Rohajas Leibwache war ein verräterisches Schniefen zu hören! Auf diesen Moment der Ablenkung hatte Answin nur gewartet. Sein heftiger Hieb durchdrang die Brünne Rohajas am Bein und mit einem Aufschrei fiel die Überraschte zu Boden. Triumphierend riss Answin Silpikon über den Kopf um ihr den Rest zu geben, doch als das Kaiserschwert niederfuhr, traf es auf Hals Klinge. „Answin, ich kann das nicht zulassen! Gib auf und beende dies. Das Mittelreich braucht Ruhe!“. Doch die großherzigen Worte Hals drangen in das verblendete Hirn nicht ein und wie von Sinnen hieb der verstockte Verräter nun auf Hal ein. Ein Raunen der Empörung ging durch die versammelten Soldaten und schon machten sich einige Hellebardiere auf, diesen Frevler in seine Schranken zu weisen. „Nein“, sprach Hal, „bleibt zurück!“ Mit einer Geste gebot er den Männern Einhalt und übersah dabei, dass der Alte mit der linken Dreck vom Boden aufgehoben hatte. „Majestät!“, versuchte ich ihn zu warnen, doch da war es bereits geschehen. Eine Staubwolke bedeckte die Augen Kaiser Hals und blendete ihn und schon bohrte sich Silpikon tief in seine Brust.

Für einen Augenblick war es totenstill, dann erfüllte ein wahnsinniges Kreischen die Wiesen vor Gareth. Razzazor! Das kaiserliche Herzblut auf Silpikon hatte ihn gerufen und erneut hatte Answin eine Katastrophe über das Mittelreich heraufbeschworen. Wohin ich auch blickte, sanken schmerzverzerrte Soldaten zu Boden, sich den Kopf haltend, die Augen verdeckend, Blut hustend. Nur dank meines stählernen Willens blieb ich aufrecht stehen und animierte meine Gefährten, diesem Vorbild zu folgen. Die Praiosscheibe wurde von aschgrauen Wolken verdunkelt und in einer Schwade fauligen Gestanks ging der Drache nieder. 20 Schritt hoch, ein Dutzend Quader schwer, ein Berg verfaulenden Fleischs und geschwärzten Knochen. Sein blauer Flammenatem verbrannte schreiende Soldaten rechts und links, unter seinen Füßen wurden Gliedmaßen und Brustkörbe zerquetscht, als eine untote Klaue nach Silpikon griff und sich das Schwert in die Brust rammte. „Bei den Zwölfen“, schoß es mir durch den Kopf, „das wird häßlich werden! So wie Orloff aus dem Dolch in seiner Brust die Lebenskraft aus den Bewohnern Wehrheims in sich hineinsaugte, so würde es Razzazor nun mit den Bewohnern Gareths machen!“ Wir mußten sofort etwas unternehmen. Rasch gab ich Curthan und Letho Anweisungen und wir fächerten auf, um den Drachen in die Zange zu nehmen. Mit jedem Schritt, den wir uns näherten, wuchs mehr Fleisch nach und das lästerliche Gerede des Drachen erscholl in unseren Köpfen. Anscheinend war er mächtiger denn je und konnte so die Kette, die er um seinen Hals hängen hatte, abschütteln. Ein lauter Knall ertönte, als die Kettenglieder zu Boden fielen und der Drache von Untod zu Leben wechselte. Für einen Moment zögerten meine Gefährten angesichts der unvorstellbaren Macht, doch mein entschlossener Tonfall und meine ruhigen Worte bewegten sie dazu, zum Angriff überzugehen. Curthan würde mit heftigsten Hieben das Monster ablenken, während ich mit Letho zum Kopf des Drachen klettern würde, um dort den Stab des Vergessens gegen das Untier einzusetzen. Auch wenn Letho von den Schlägen des Drachen arg gebeutelt wurde, gelang es mir doch mit der Gewandheit eines Panthers seinem mächtigen Schweif auszuweichen und mich zur kutschengroßen Brust des Monsters vorzuarbeiten. Mit der mir eigenen Stärke wiederholte ich mein Wehrheimer Meisterstück, indem ich Silpikon aus der Brust riss und es weit ins Schlachtfeld hineinwarf. Ein Wutschrei ließ den Boden erzittern, als Razzazor bemerkte, dass er die Bürger der Stadt nicht weiter verderben konnte und dass seine Wunden sich nun nicht mehr schließen würden. Rasend vor Zorn schnappte er nach der am Boden liegenden Rohaja und wenigstens jetzt, beinahe zu spät, sah Answin ein, dass er wie der törichte Narr gehandelt hatte, der er nun einmal war. Todesverachtend sprang er zwischen die Kaiserin und den riesigen Kiefer, um das Untier abzulenken, während Rondrian von Paligan die schwerverwundete Kaiserin aus der Gefahrenzone trug. Wieder senkte sich das Maul Razzazors nieder und hätte die Kaiserin wohl mitsamt Rondrian verschlungen, da stürzte sich der gepanzerte Answin selbst zwischen die Zähne des Drachen. Kein Schrei war zu vernehmen, nur das Bersten der Rüstung und das Knacken der Knochen, als der Usurpator zerfetzt wurde. Zumindest in seinem Tode hatte er seinen Irrweg eingesehen und sein Leben für das der Kaiserin gegeben. Während dieser Ablenkung war es uns gelungen, bis zum Kopf vorzuklettern. Auch wenn das, was ich nun vorhatte, mein Leben kosten würde, zögerte ich keinen Moment. „Nun gilt es, Letho. Ich werde mich mit dem Stab des Vergessens in den Schlund des Drachen stürzen, nur so können wir die Seelen nah genug an sein Hirn bringen und ihn bezwingen! Sagt meiner Gattin, dass ich sie liebe. Sie wird verstehen, dass ich nicht anders handeln konnte.“ Doch mit festem Blick schaute mir Letho von Rabenmund in die Augen. „Nein, mein Baron. Ich kann nicht zulassen, dass ihr euch opfert! Die Menschen, das Mittelreich, die Kaiserin brauchen euch! Ich werde diese Bürde tragen, sorgt ihr nur dafür, dass dieser götterverfluchte Drache sein Maul aufreißt.“ Erschüttert von den tapferen Worten des treuen Gefährten fehlten mir die Worte und lediglich mit einem Nicken konnte ich ihm zeigen, dass ich diesem Plan zustimmte. Wir reichten uns ein letztes Mal die Hand. „Wir sehen uns an Rondras Tafel!“.

Mit bloßen Händen robbten wir die Schnauze entlang und erreichten trotz flammendem Atem und markerschütternden Bewegungen ihre Spitze. Als ob Razzazor unseren Plan ahnen würde, hielt er sein Maul fest geschlossen und trachtete danach, uns mit seinen Krallen zu zerfetzen. Mit aller Kraft, mit brennenden Muskeln und zitternden Sehnen zwängte ich Stück für Stück die Drachenkiefern auseinander. Schweiß brannte in meinen Augen, als ich meine Füße in der schuppigen Haut verankerte und ächzend erst einen kleinen dann einen größeren Spalt zwischen seinen Zähnen erschuf. Mein Rücken schmerzte, als wollte er brechen, kaum gelang es mir genug Luft in die Lungen zu pumpen, verzweifelt hörte ich das Blut in meinen Adern pochen wie ein Schmiedehammer. Eine Kralle durchschlug mein Kettenhemd und hinterließ eine blutige Furche an meiner Schulter. Es ging nicht weiter, es war unmöglich, niemals würde ich… doch just in diesem Moment der Zweifel spürte ich einen Lichtstrahl aus dem verhangenen Himmel brechen, der warm auf meinen Körper schien. Vorbei war das Hämmern, vorbei die Erschöpfung, vergangen der Schmerz, Ruhe umfing mich, nur zwei Worte erfüllten meinen Geist: „Bei Praios!“ und mit einem letzten Aufbäumen, das meinen gesamten Körper aufschreien ließ, gelang es mir, die Lücke soweit zu vergrößern, dass sich Letho ins Maul des Drachen rollen konnte. Vollkommen verausgabt klammerte ich mich an der Schnauze fest, als Razzazor nun versuchte, den ungewünschten Happen aus seinem Mund zu spucken. Doch diese Mahlzeit war unverdaulich für das Monster, denn nun hörte man aus dem Inneren heulend die Seelen aus dem Stab entkommen. Feuerspuckend und wie rasend warf der Drache seinen Kopf hin und her, so dass selbst ich mich nicht mehr halten konnte und zu Boden geschleudert wurde. Im Flug bereits korrigierte ich meinen Fall, rollte mich auf dem Boden ab und stand daher gerade rechtzeitig wieder, um zu sehen, wie Razzazors Kopf in einer mächtigen Explosion verging. Während Fleischfetzen und Knochen auf das Schlachtfeld niederregneten, rannen mir Tränen der Trauer und des Glücks über die Wangen. Mit einem langen Blick zum Himmel verabschiedete ich mich von Letho. „Grüß mir Yindral, mein treuer Freund!“

– Kapitel 45 „Wie ich einmal einen Drachen besiegte und das Kaiserreich rettete“ aus dem 14. Band „Ich trotzte Rhazzazor – Wie ich den Drachen vertrieb und das Mittelreich rettete“ der bislang unvollendeten Autobiographie des Barons von Hemmwegen zu Pervin.

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Aus dem Leben des Barons III – Das Ende eines Winters

„Düster vor mich hinbrütend stand ich auf dem höchsten Turm der Wehrmauer und starrte in das Schneegestöber. Während draußen der Sturm mit niederhöllischer Kälte weiterwütete, brannte in mir die heiße Flamme der Wut ob des Verlusts meines geschätzten Yindrals. Und in diesem lodernd heißen Feuer wurde mein Entschluss, ihn zu rächen und die elenden Schurken dort drüben bezahlen zu lassen, zu stahlharter Entschlossenheit geschmiedet. Dank meiner extensiven Literaturstudien und meines umfangreichen Allgemeinwissens war mir bekannt, dass sich im Tempel der Travia die „Schwarzen Gänsefedern“ befanden. Dieses Artefakt, von den Kirchenoberen schon seit Jahrzehnten vergessen, war in der Lage, dem Feind all das zu verderben, was Travia in ihrer großzügigen Güte uns Gläubigen gewährte: Ein sicheres Heim, ein warmes Herdfeuer und schmackhafte Mahlzeiten. Nicht leicht fiel mir die Entscheidung, diese Plage auf unsere Gegner herabzubeschwören, doch mit ihrer Kriegserklärung gegen mich und die zwölfgöttliche Ordnung hatten sie jeden Schutz verspielt. Und so machte ich mich auf, unsere Kaiserin Rohaja, unsere Fürstin und all die anderen wichtigen Häupter in dieser belagerten Stadt zu versammeln, um ihnen meinen Plan zu erklären. Wie Schuppen fiel es dem heiligen Paar von den Augen, dass es im Besitz dieser formidablen Waffe war und nachdem ich in knappen Worten meine Strategie zum Brechen der Belagerung dargelegt hatte, stimmte mir der Rest der hohen Versammlung alsbald zu. Beifall brandete auf, doch mit der mir eigenen Bescheidenheit winkte ich ab. Gäbe es noch einen Menschen mit derartigem Scharfsinn und Können wie ich ihn besitze, so würde dieser sicher beinahe ebenso schnell diesen Plan entworfen und ausgeführt haben.

Kälte und Sturm trotzend schlich ich mich mit meinen Gefährten in der Nacht über die Stadtmauer und auf mehrere Dutzend Schritt an das Lager des Feindes heran. Starke Böen trieben den Schnee vor mir her, während Tränen in meine Augen liefen. Ruhig atmete ich ein, richtete meine Armbrust auf das über diese Entfernung winzig wirkende Zelt der Söldern und zog durch! Wie von einer unsichtbaren Schnur gezogen raste der Bolzen samt der an ihn gebundenen schwarzen Gänsefeder in das Zelt, zu schnell für die Augen der Feinde. In Windeseile lud ich nach und jagte den nächsten Bolzen in das Lagerfeuer der Bande. Heissa, war das ein Geschrei und Aufspringen, als den Verrätern vor Schreck das Herz in die Hose rutschte. Doch bevor sie ihren Mut zusammengekratzt und einen Suchtrupp zögerlich in die Dunkelheit geschickt hatten, waren ich und meine Gefährten bereits beim nächsten Lager, um dort ebenso zu verfahren. Nach diesen wagemutigen Aktionen blieb nur noch, weitere Federn in das Essen des Feindes zu applizieren. Für diese Aufgabe hatte ich Finn Darben ausgewählt, einen vielversprechenden jungen Soldaten, den ich unter meine Fittiche genommen hatte. Ich war recht zuversichtlich, dass dieser jugendliche Kerl aus einfachsten Verhältnissen unter meiner Anleitung zumindest Ansätze von Manieren, Lebenskultur und nützlichen Fähigkeiten würde erlernen können. Nachdem ich den Weg zu den Vorratswagen dank meines vorzüglichen Fernglas eruiert und Finn diesen mehrmals erklärt hatte, schlich er sich mit der Verschlagenheit, die der niederen Klasse zu eigen ist, vor dem ersten Hahnenschrei durch das gegnerische Feldlager. Wie durch meine Beobachtungen vorhergesagt, gelang es ihm, sich an allen Posten vorbeizulavieren und die schwarzen Federn im Vorratswagen zu platzieren. Mit taktischem Genie hatte ich den Rückweg dergestalt geplant, dass er eine weitere der Federn in das Kommandozelt würde legen können, um so der Giftnatter den Kopf abzuschlagen. Während meine Gefährten zitterten und bei den Göttern für die unversehrte Rückkehr Darbens beteten, blieb ich ein Vorbild an Gelassenheit und Würde. Nur bei einem völligen Versagen des jungen Hitzkopfs könnte das Unternehmen noch scheitern, doch wie ich es mir gedacht hatte, blieb auch er unter meiner Führung ruhig und kam bald wohlbehalten an der Stadtmauer an. Mit der angenehmen Gewissheit, dass bald die Wende in dieser unseeligen Belagerung eintreten würde, begab ich mich zu Bett.

Ich war nicht sonderlich verwundert, als meine Maßnahmen bereits am nächsten Morgen Wirkung zeitigten. Ein aufgeregter Lakai brachte mich und meine Gefährten zur Stadtmauer, wo leicht ersichtlich war, dass sich die Lager des Feindes in Auflösung befanden. Die Feuer waren erloschen, schwarze Flecken im Schnee markierten gestorbene Söldlinge und ganze Zeltreihen waren in sich zusammengefallen. Noch während wir unseren Frühstückstee einnahmen, konnten wir mehrere Handvoll Gegner sehen, die in Richtung unserer Mauer liefen. Aufregung durchfuhr meine Gefährten. Würden sie nun wie in die Enge getriebene Ratten bis zum letzten kämpfen? Gerade bei solch niederen Ständen ist die Ähnlichkeit zu diesem schädlichen Nagetier in Wesen und teils auch Aussehen nicht von der Hand zu weisen, aber mir war sofort klar, dass es sich hier um den Versuch handelte, zu uns überzulaufen. Noch bevor der Truppe auch nur 50 Schritt zurückgelegt hatte, wurde er jedoch brutal von hinten niedergeschossen und weiteres Blut tränkte den unschuldig weißen Schnee. Erschüttert von dieser feigen Tat marterte ich mein Hirn. Es musste doch einen Weg geben, diesen armen Seelen zu ermöglichen, sich aus den Klauen der Dämonenpaktierer zu befreien? Gnade und Mitleid waren schon immer einige meiner herausragenden Tugenden gewesen und so schlug ich kurzerhand vor, die Stadttore zu öffnen. Angesichts dieser offenen Einladung an alle restlichen zwölfgöttergläubigen Söldner, sich am wärmenden Herdfeuer Travias zu erholen und den Magen mit gutem Essen zu füllen, würden größere Gruppen überlaufen und ein Zeichen setzen für ihre anderen Kameraden. Natürlich waren die Widerstände gegen einen solch gewagten Plan groß. Curthan murrte etwas von verräterischen Söldnern, Letho Bauernfreund schüttelte wütend seine Fäuste ob der Idee, verlorene Seelen in den Schoß der Kirche zurückzuführen und auch den Rondrageweihten war die ganze Sache nicht geheuer. Unsere strahlende und scharfsinnige Kaiserin jedoch sah sofort das Potential meines Vorschlags, ebenso die Fürstin und das heilige Paar und so half kein Bocken und kein Genörgel, die Tore wurden geöffnet. Und sie kamen, in Dutzenden, in Bannern, in Hunderten, freundlich empfangen von der großherzigen Bevölkerung Rommilys und rasch versorgt mit warmen Decken und nahrhafter Suppe. Mehr als 250 Söldner waren es, die sich zu uns durchschlugen und in ihrer Dankbarkeit von dem Chaos berichteten, dass in ihrem ehemaligen Lager wütete. Dutzende der elendigsten Paktierer waren bereits in der Nacht erfroren oder verhungert, mehr folgten zum Morgen hin. Auch der Anführer des nördlichen Haufens war als Eisstatue in seinem Generalszelt gefunden worden, so dass sich die restlichen Truppen nun nach Neu-Rommilys unter Asmodeus zurückzogen. Aber noch war die Gefahr nicht gebannt, denn es war verkündet worden, dass in zwei Tagen das restliche gegnerische Heer einen letzten Angriff über den Darpat machen würde. Unterstützt von magischen Geschossen und pervertiertem Kriegsgerät würden die fanatischen Horden in die Stadt einfallen um zu vernichten, was zu vernichten war, selbst unter Aufgabe des eigenen Lebens. Von derartigem Verhalten angewidert beschlossen wir, diesem Angriff zuvorzukommen und unsererseits über den zugefrorenen Darpat zu ziehen, um den Kampf in das bereits eh schon verwüstete und zivilistenfreie Viertel zu tragen. Darauf glühend, ihre Schuld bei uns abzutragen, schworen die 250 Soldaten, ihren Teil zum Gelingen des Sturmangriffs beizutragen und alsbald hatte ich das Kommando über 5 Banner hochmotivierte, zu allem entschlossene Kämpfer. Wehmütige Erinnerungen an meine Zweimühlener Soldaten wurden wach. Diese treuen Männer und Frauen, die unter meiner Anleitung so großes vollbracht und an mehreren der härtesten Feldzüge in der Geschichte des Mittelreichs teilgenommen hatten. Auch wenn dieser Söldnerhaufen weder die Erfahrung meiner Zweimühlener noch die taktische Ausbildung, die ihnen durch mich und Curthan zuteil geworden war, besaßen, so war es doch ein erhebendes Gefühl, wieder einen Trupp Soldaten gegen die Feindes des Mittelreichs zu führen. Auf der Ehrenposition eingesetzt, auf der linken Flanke direkt neben dem Banner der Kaiserin, marschierten wir über den Darpat, an der Spitze ich, zusammen mit Curthan und Letho. Auch der junge Darben hatte sich unserem Trupp angeschlossen, wohl aus Begierde, die Urgewalt Curthans, die Sturheit Lethos und nicht zuletzt meine Kunstfertigkeit im Kriegshandwerk aus nächster Nähe zu sehen.

Trompeten erschallen, Trommeln wirbelten, Banner flatterten in der noch immer eiskalten Luft. Und doch lag ein guter Stern über dem Unternehmen, brachen doch endlich, nach Monaten der Trübnis Praios Strahlen durch die Wolken und umgaben die Kaiserin mit einer glühenden Aurora. Angespornt davon, dass der Götterfürst selbst auf unserer Seite stand und voller Bewunderung für unsere mutige Regentin, die an vorderster Stelle stritt, stürmte unser Heer über den Darpat. Dämonische Rotzengeschoße hielten blutige Ernte in unseren Reihen, gigantische Felsbrocken rissen Löcher in das Eis und ließen ganze Banner im frostigen Wasser versinken. Doch über allem ertönte Curthans Schlachtgesang, in dass auch wir und die ehemaligen Söldern einfielen und welches unsere Herzen erglühen ließ. Da tauchten vor uns die ersten Maraskaner auf, wilde Gestalten mit Schnittern und Schilden und sofort hatte ich den hünenhaften Hauptmann ausgemacht, der den Trupp kommandierte, der Yindral getötet hatte! Damals hatte das Opfer eines Dutzend seiner Kameraden ihn vor unserer Vergeltung gerettet, doch nun hatte seine Stunde geschlagen. Höhnisch spie er uns in seiner vulgären Sprache eine Herausforderung zu und hob drohend seine grünlich glänzende Klinge. Kalter Zorn fuhr durch meine Adern und wenige Schritte vor ihm katapultierte ich mich panthergleich auf ihn zu. Für einen kurzen Moment wich der tumbe Ausdruck in seiner Visage erst Verstehen, dann Entsetzen, als er erkannte, mit wem er da die Klingen kreuzte, dann war es auch bereits zu spät und mein Rapier durchbohrte seine Kehle, noch bevor er seinen Schild auch nur anheben konnte. Ehe sein toter Körper den Boden berührte, war ich bereits über ihn hinweggeschritten und stach mit blitzschnellen Hieben bereits den nächsten Gegner nieder. Angst und Schrecken machten sich in den Reihen unserer Feinde breit, als mehr und mehr ihrer Kämpfer von Curthan und Letho niedergemäht wurden. Auch wenn einige unserer Mannen niedersanken, so hielten wir doch blutige Ernte unter diesen Schändlingen und es dauerte nicht lange, da wankte ihre Flanke erst unter unseren wuchtigen Schlägen, dann brach sie ein. Doch noch bevor wir die Lage ausnutzen und das gegnerische Heer aufrollen konnten, ertönte ein gräßlicher Schrei vor uns. Ein Trupp Elitesöldner sowie Asmodeus hastete mit dem abgeschlagenen Kopf unserer Fürstin auf den Darpat in der Hoffnung, auf diesem unserem gerechten Zorn zu entkommen. Aufs äußerste erzürnt über den Tod unserer tapferen Lehnsherrin stürzten wir ihnen hinterher und stellten die gut zwei Dutzend Kämpfer alsbald auf dem Eis. Bei dem schnellen Lauf hatten wir unsere Truppen längst hinter uns gelassen, so dass nur meine treuen Gefährten, der junge Darben sowie Akarash, ein Zwerg aus unserem Aufgebot dem wahnsinnigen Magier und seinen Mannen entgegenstanden. Bevor der erste reagieren konnte, hatte ich bereits das Zauberschildartefakt, das mir von einem Bewunderer geschenkt worden war, aktiviert und das keinen Augenblick zu früh! Aus dem Stab Asmodeus raste eine kränklichgrüne Flammenkugel auf uns zu, nur um an meinem Zauberschild zu zerschellen. Glühendes Feuer ging auf seine eigenen Söldlinge nieder, während wir lediglich von einem heißen Hauch getroffen wurden. Und dennoch stand es nicht gut für unsere Sache, befanden sich doch zwischen uns und dem Zauberer immer noch die Söldner. Ohne eine Möglichkeit, ihn zu bedrängen würde er uns einfach wieder und wieder verzaubern und so langsam aber sicher bezwingen.

Unter normalen Bedingungen bereits erstaunlich, läuft mein Gehirn unter Druck zu geradezu sagenhaften Hochleistungen auf. Mit einem „Für Rohaja, für das Mittelreich“ auf den Lippen stürzte ich mich auf gleich eine Handvoll Gegner und band diese im Nahkampf. Glücklicherweise erkannte selbst Letho, wie hier zu verfahren war und machte es meinem Beispiel nach. Zusammen mit Finn und Akarash waren so die Nahkämpfer in ein wildes Gefecht verwickelt, was Curthan den Weg freimachte, zu Asmodeus durchzubrechen. Mit jedem seiner donnernden Schritte mehr Fahrt aufnehmend stampfte er auf den schmächtigen Zauberer zu, im Rhythmus seines Laufs die Waffe schwingend. Drohend richtete der verdorbene Magier seine Krallenhand auf den Edlen von Ropadeshof, doch ein Feuerstrahl aus meinem Feuerstrahlartefakt, auch dieses war mir von einer Verehrerin vermacht worden, versengte ihm die Finger und ließ seinen Zauber verpuffen. Bevor er zu einer weiteren Inkantation ansetzen konnte, hatte Curthan ihn erreicht und trieb ihm den Anderthalbhänder erst bis zum Heft in die Brust und dann hinauf bis zur Kehle. In einem Sprühregen aus Blut hauchte der Heerführer sein unheiliges Leben aus während seine Seele schnurstracks in die niederhöllische Seelenmühle fuhr. Eine Explosion zerriss seinen Körper und warf Curthan sowie die verbliebenen Söldner zu Boden. Dere war endlich befreit von Asmodeus von Andergast, der Geißel von Garethien, dem Brandstifter von Bohlenbrück, dem Knechter von Knotenbrück. Yindrals Tod war gerächt! Und ich fühlte, dass er uns in diesem Moment zusah und es für gut befand.“

– Kapitel 28 „Das Ende eines Winters“ aus dem 14. Band „Ich trotzte Rhazzazor – Wie ich den Drachen vertrieb und das Mittelreich rettete“ der bislang unvollendeten Autobiographie des Barons von Hemmwegen zu Pervin.

Aus dem Leben des Barons II

„Tag für Tag zog sich die elendige Belagerung hin und die Situation wurde immer unerfreulicher. Nicht nur, dass die niederhöllische Kälte die Bediensteten und Lakaien träge und langsam machte, nein, mittlerweile war es in ganz Rommilys nicht mehr möglich, einen anständigen Schmorbraten mit Frühlingskartöffelchen und Prinzessbohnen zu bekommen. Ja, die Lage war derart prekär, dass ich eines Praiostags zum Mittagsmahl auf eine ganz und gar enttäuschende 1030er Brindaler Mädchentraube ausweichen musste! Trotzdem die Versorgung also schlecht und die Unannehmlichkeiten groß waren, hielt ich die Moral der Eingeschlossenen aufrecht indem ich mit einigen Scherzworten die Bediensteten aufmunterte, der Mauerbesatzung Mut zusprach und mit einem Lächeln über jeden Fauxpas der Diener hinwegsah. Sollte der Feind auch vor den Toren stehen und selbst an ein leichtes 5 Gängemenü in absehbarer Zeit nicht mehr zu denken sein, so würde die Stadt doch aushalten solange ich und meine Gefährten die Stellung hielten.

Es war ein besonders stürmischer und verschneiter Morgen, als ich zum Kontor meines lieben Freundes Stoerrebrandt gerufen wurde, um einen rätselhaften Vorfall aufzuklären. Die Liebe und Achtung meiner Männer beruht schließlich nicht nur auf meinen heroischen Fähigkeiten und Taten auf dem Felde, sondern ebenfalls daher, dass ich, der hochgeborene Baron von Pervin mir noch nie zu fein war, auch derartige Herausforderungen dank meines immensen Intellekts rasch zu meistern. Innerhalb weniger Minuten fand ich heraus, dass eine wohl magisch begabte Person weiblichen Geschlechts einen Gegenstand aus dem Kontor gestohlen hatte und der umtriebige Yindral konnte ihre Spur quer durch die Stadt bis zum Osttor verfolgen. Schmunzelnd brach ich die Verfolgung ab, wusste ich doch, dass der gute Stover schon dafür sorgen würde, dass die Diebin ihre wahnwitzige Tat bereuen würde. Meine Anwesenheit in der gebeutelten Stadt stand jedenfalls nicht zur Disposition und auch meine Gefährten wollten ungern von meiner Seite weichen und der Magierin hinterherreisen. Noch den Kopf über die Torheit dieser Frau schüttelnd die sich mit dem reichsten Mann Aventuriens und einem meiner engsten Freunde angelegt hatte, hörte ich Kampfeslärm aus dem Schneegestöber vor dem Tor. Nachdem ich auch meine Gefährten darauf hingewiesen hatte, gelang es ihnen mit Hilfe der Fernrohre die Flaggen der Rondrakirche sowie des Hauses Gareth auszumachen. Verstärkungen waren eingetroffen und kämpften sich zur Stadtmauer durch.

Wie es meine kaltblütige Art ist, beorderte ich rasch sämtliche Panzerreiter sowie ein Halbbanner Fußsoldaten her, schwang mich, ebenso wie meine Gefährten, aufs Pferd und koordinierte noch während das Stadttor geöffnet wurde unsere Angriffsroute und Kampftaktik. Die 500 Schritt zum feindlichen Lager schmolzen unter den trommelnden Hufen unserer Pferde rasch dahin und wie ein Keil aus Eisen und Stahl folgten die Berittenen mir, der Spitze dieses Angriffs. Einer Axt gleich die morsches Holz spaltet fuhr mein Stoßtrupp in die Reihen der Gegner, kräftige Hiebe wurden rechts und links ausgeteilt und die heimtückischen maraskanischen Söldlinge fanden ihr gerechtes Ende unter meiner meisterhaft geführten Klinge. Einmal durch die Feinde durch ging der Angriff, dann riss ich mein Pferd herum, organisierte meine Reiter neu und preschte mit dem Namen unserer geliebten Kaiserin auf den Lippen erneut in das Schlachtgetümmel. Hurtig stiegen wir von unseren Rössern und stürzten uns in das dichteste Gewühl. Mit der mir eigenen Eleganz perforierte ich elegant einen der Reichsfeinde, band hier den Schnitter des Nächsten und hieb ihm im Gegenzug eine tiefe Wunde in den Arm. Von meinem Vorbild angespornt schlugen auch meine Gefährten auf die Gegner ein. Curthans Anderthalbhänder biss blutige Stücke aus den ihn umkreisenden Maraskanern, Retho Bauernfreund ließ Schlag auf Schlag von seinem Schild abgleiten und der heißblütige Yindral wurde gar derart vom Furor beseelt, dass er gleich mit zwei riesenhaften Infanteristen die Klingen kreuzte. Weitere Feinde drängten sich zwischen mein Häuflein und ihn, so dass nur noch seine dunkle Fellmütze zwischen den Sturmhauben der Söldner zu erkennen war. Elegant wich er den Angriffen aus, schickte hier einen Schurken zu Boden und stieß dort einen anderen zurück. Dennoch wurde seine Lage immer bedrückender, schien doch ein unendlicher Strom von weiteren Gegnern nachzukommen. Natürlich erkannte ich sofort die Gefahr und rief dem über und über mit Blut beschmierten Curthan zu, sich zusammen mit mir zu dem Edlen von Bruck durchzuschlagen, doch noch während wir uns Hieb für Hieb, Schritt für Schritt zu ihm vorankämpften, schien sich die Zeit mit einem Mal zu verlangsamen. Hoch aufgerichtet stand Yindral dort, mit dem Buckler einen Schnitterhieb abwehrend, das Rapier tief in der Brust eines Söldners versenkt. Sein Gewicht, wie ich es ihn gelehrt hatte, auf das hintere Bein verlagert und bereit, der nächsten Attacke auszuweichen. Und hinter ihm, geführt von einem über 2 Schritt großen Gegner, raste unaufhaltsam die Klinge einer schartigen Hellebarde auf seinen Kopf zu. Mit all meiner beachtlichen Kraft katapultierte ich mich nach vorne, die Waffe auf den winzigen ungerüsteten Bereich zwischen Helm und Halsberge des Riesen gerichtet, doch selbst meine an einen zuschlagenden Tiger erinnernde Geschwindigkeit reichte nicht aus. Ein Wimpernschlag bevor das Blut des Schurken aus der Wunde sprudelte und ich seine verrotete Seele gen Niederhöllen schickte, traf seine gifttriefende Waffe den getreuen Yindral und ließ ihn, wie vom Blitz getroffen in den Schnee fallen. Der leidvolle Schrei Curthans entfachte den unbändigen Zorn in meinen Adern noch mehr und einem Unwetter gleich ging ich auf die restlichen Feinde nieder. Wir machten kurzen Prozess mit der Brut und während meine Gefährten einen schützenden Ring aus scharfen Klingen um unseren gefallenen Freund bildeten, versuchte ich, wie von Sinnen, wieder und wieder einen Funken Leben in seinen geschundenen Körper zu zwingen. Ach, wie schwer wurde mein Herz als ich erkennen musste, dass die finstere Saat des Feindes Früchte getragen hatte. Keine Wundpresse, kein Heiltrank, keine Naht würde ihn zurückholen. Yindral, mein treuer Vasall, mein praiosgläubiger Gefährte, mein tapferer Freund war nicht mehr und der einzige Trost an den ich mich klammerte, war die Gewissheit, dass dieser Held, der hier gegen übermächtige Gegner gestanden hatte und nur von einem heimtückischen Giftmischer hinterrücks überwältigt werden konnte, sicherlich bereits jetzt in Praios‘ Lichtpalast saß, über uns Sterbliche wachte und von den Taten berichtete, die ich und meine Gefährten auf Dere vollbracht hatten.“

– Kapitel 24 „Und Rommilys weinte“ aus dem 14. Band „Ich trotzte Rhazzazor – Wie ich den Drachen vertrieb und das Mittelreich rettete“ der bislang unvollendeten Autobiographie des Barons von Hemmwegen zu Pervin.

Aus dem Leben des Barons

„.. und so standen wir erneut vor dem Felsspalt, der einzigen Verbindung zwischen den Katakomben und dem Keller der goldenen Pyramide. Wie es seit frühester Kindheit in meiner wagemutigen Natur liegt, wollte ich mich gerade an den gefahrvollen Aufstieg machen, da ließ mich Yindral einhalten. Die Furcht um meine Gesundheit, die aus den Augen des treuen Gefährten blitzte, so unbegründet sie angesichts meiner herausragenden Kletterkünste sein mochte, hielt mich davon ab, als Erster die Felswand zu erklimmen. Von der Sorge um das leibliche Wohl seines Barons beflügelt, kletterte der flinke Horasier die zwischenzeitlich von Curthans Steingeist herbeigezauberten Trittstufen hinauf und arrangierte mit einigen Seilen einen Klettersteig, der es selbst Letho erlauben würde, die Strecke zu erklettern. Gerührt von der Treue meines Gefährten machte auch ich mich an den Aufstieg und meisterte die Aufgabe selbstverständlich bravourös. Panthergleich glitt ich mit gezogenem Rapier in den Raum über der Erdspalte und verschaffte mir mit dem Blick eines Strategen einen raschen Überblick über die Lage. In einem Pferch zusammengeworfen lagen Leichenteile, die wohl für eines der abartigen Rituale des faulenden Drachen dienen würden; in einigen Kisten, die ich beherzt öffnete, fanden sich Seile, Kutten und Masken, welche eine hervorragende Tarnung abgeben würden. Während meine Gefährten noch zögerlich den Raum betrachteten, hatten meine scharfen Sinne bereits ein Schlurfen erkannt, das sich der einzigen Tür zu diesem Lagerraum näherte. Ich bewahrte meinen legendären kühlen Kopf und wies meine überraschten Gefährten hurtig an, sich hinter dieser Tür zu postieren und den unerwünschten Besucher gebührend zu empfangen.
Mit einem furchtbaren Quietschen öffnete sich die massive Eichentür und eine bucklige Gestalt humpelte in den Raum. Klauenhände mit zu Krallen verwachsenen Nägeln verstauten einen rostigen Schlüsselbund in seiner eiterverklebten Robe, als der Unförmige feucht röchelnd zu den Leichenteilen schlingerte. Mit einem meisterlich ausgeführten Stich durch den Rücken in die Herzgegend schaltete ich das Ungeheuer aus, das sofort mit einem letzten Keuchen verstarb. Schwarzer Schleim trat aus der Wunde aus und besudelte die Robe auf das Widerlichste. Mit meinem gepanzerten Stiefel rollte ich den Leichnam auf den Rücken, um einen Blick auf sein Antlitz zu erhaschen. Der Anblick der Kreatur war unbeschreiblich, selbst gestandene Helden wich das Blut aus dem Gesicht und Angstschweiss setzte sich auf die bleiche Stirn. Nur ich blieb ungerührt und sprach meinen Gefährten Mut zu. Wenn auch der Gegner ungeheuerlich war, umso größer musste unsere Tatkraft erglühen, diesem schändlichen Treiben ein Ende zu bereiten. Während ich noch beruhigend auf Letho Bauernfreund einredete, waren erneut Schritte auf dem Gang zu hören. Diesmal konnten meine Luchsohren gleich drei Personen ausmachen, und aus ihrem Gespräch war zu entnehmen, dass sie weiteres Material für ein Ritual holen sollten. Blitzschnell hatte ich einen Plan ausgeheckt und erläutert: Dieses Mal würden wir die Personen lebend fangen und verhören.
Wieder wurde hinter der Tür ein Hinterhalt gelegt und als sich die drei Kultisten im Raum befanden, stürzte sich Curthan mit der ihm eigenen animalischen Wildheit auf die schändlichen Feinde. Bratpfannengroße Hände klatschten gegen Schädel und in einem Wirbel aus Fäusten sanken die drei zu Boden, als Yindral die Tür hinter ihnen gerade geschlossen hatte. Schnell verschnürte dieser die Bewusstlosen, bevor ich einen von ihnen aufweckte und verhörte. Unter meinem stahlblauen, strengen Blick schmolz jeder Gedanke an Widerstand sofort dahin und mit wenigen Fragen hatte ich den Weg zum Ritualraum, den Leichenteilübergabemodus und alle weiteren relevanten Informationen aus dem stammelnden Stück Elend herausgeholt.

Als Kultist verkleidet hastete ich mit meinen Gefährten durch die goldene Pyramide, während mein Geist fieberhaft einen Plan ausarbeitete. Der Gefangene hatte von drei Magiern geredet, die im Ritualraum mit verderbter Energie das Kaiserschwert Silpikon verzaubern wollten. Zusätzlich war mit Wachen zu rechnen sowie weiteren Kultisten und als Tüpfelchen auf dem i schlief auch noch Rhazzazor, mein alter Erzfeind, direkt über diesem Raum. Ein zufriedenes Lächeln glitt über meine scharfgeschnittenen Züge, als sich die Lösung all unserer Prolbeme in meinem Verstand manifestierte.

Der von Lethos Zaubernuss herbeigerufene Steingeist schaffte das Kaiserschwert aus dem Kreuzungspunkt der Energieblitze im Ritualraum heraus, woraufhin Yindral eilig hinüberschlich, um das Schwert zu bergen. Ein gefährliches Unterfangen, gewiss, doch hier setzte mein Plan ein. Genau wie ich es vorhergesehen hatte, wurde einer der Magier auf meinen Gefährten aufmerksam und zauberte, in einer grandiosen Zurschaustellung seiner Inkompetenz, eine magische Wand vor den Ausgang. Wie geplant war der Magier jedoch zu langsam für den Gewinner des Wald- und Wiesenlaufs von Quakenbrück, so dass diese Wand nun uns und die Magier trennte. Alsdann trat die zweite Phase des dreistufigen Plans in Kraft: Der Zombiedrache hatte natürlich Wind von meinem aberwitzigen Husarenstück bekommen und hüllte, in unglaubliche Wut versetzt, den Ritualraum in steinschmelzende Flammen; Magier, Wächter und Akkoluthen gleichermassen zu Asche verbrennend, während wir, geschützt durch die unsichtbare Wand, die dritte Stufe einleiteten und unseren Rückzug durchführten. Problemlos gelangten wir zurück in den Keller, die Katakomben und schließlich das Haus in der Ankergasse. Um meinen Gefährten eine Ruhepause zu ermöglichen, ließ ich dort eine kurze Rast machen, doch meine Nachsicht wurde sofort bestraft. Ein Trupp Untote und Drachengardisten brach die Haustür auf und Yindral konnte seine Abneigung gegen dieses Gesindel nicht unterdrücken. Ein mannhafter Fluch entfuhr seinen Lippen, leider laut genug, die Schar auf uns aufmerksam zu machen. Glücklicherweise war ich jedoch noch im Besitz meiner Zaubernuss und mit allem mir zur Verfügung stehenden Charme konnte ich den Steingeist dazu überreden, uns von diesem Haus wegzubekommen. So überzeugend war ich, dass er uns nicht bloss einige häuserweit trug, sondern uns durch die Erde gar bis zur Stadtmauer brachte! Mit der mir eigenen Kühnheit stahlen ich und meine Gefährten dort den Wachen sieben Pferde und im Gallopp preschten wir aus der Stadt heraus. Beinahe gelang uns der unbemerkte Rückzug, da brach das Pferd des Bauernfreunds in ein Kaninchenloch und liess ihn mit einem lauten Scheppern zu Boden gehen. Hastig riss ich mein Ross herum und brachte es gerade noch rechtzeitig an Letho heran, als sich auch schon ein Dutzend Dämonenhunde auf mich stürzte. Mit der einen Hand Letho auf das Pferd ziehend, mit der anderen wütende Hiebe gegen die Kreaturen austeilend wendete ich alleine mit den Schenkeln lenkend und hatte bald Curthan und Yindral wieder eingeholt, die kläffende und heulende Meute auf den Fersen. Mit einem absurd weiten Sprung erreichte eine der Kreaturen Yindral, verbiss sich in dessen rechtem Arm und fing an, Fleischstücke aus ihm herauszubeissen. Gekonnt lenkte ich mein Pferd an seines heran und ermöglichte so Letho, den Hund mit seiner geweihten Waffe zu schlagen. Wieder und wieder ging der Rabenschnabel auf den Hund nieder, der schließlich in einer stinkenden Wolke verging, nicht jedoch bevor er einen großen Muskellappen aus Yindrals Arm herausriss. Nachdem wir die restlichen Hunde weit hinter uns gelassen hatten konnten wir endlich rasten und ich hastete sofort zu meinem verwundeten Freund. Auch die besten Instrumente und das teuerste Heilkraut vermochten jedoch nicht, die dämonische Wunde zu schliessen. Yindrals Arm würde für immer gelähmt sein, falls nicht mein Gebet an Tsa selber ihre Barmherzigkeit rühren würde. Bittere Tränen des Zorns stiegen mir in die Augen als ich mich der Pyramide am Horizont zuwandte. Das Licht der untergehenden Sonne färbte meine Faust, die ich wider die unnatürliche Stadt, den untoten Drachen und die schwarzen Lande schüttelte, blutrot. Yindrals Arm würde gerächt werden, schwor ich mir. Für diese ungeheuerliche Tat würden sie büßen müssen, sie alle miteinander!“

– Kapitel 19 „Der Baron und die magische Zaubernuss“ aus dem 14. Band „Ich trotzte Rhazzazor – Wie ich den Drachen vertrieb und das Mittelreich rettete“ der bislang unvollendeten Autobiographie des Barons von Hemmwegen zu Pervin.